ZDF, Sonntag, 11. Dezember: "Augenzeugen berichten: Heinrich Graf von Einsiedel", Film von Gerhard F. Baatz und Jochen von Lang

Augenzeugen, berichten" ist eine nützliche, der subjektiven Erhellung von historischen Vorgängen dienliche Sendereihe – wie nützlich, das wird erkennbar, wenn man bedenkt, welch eine Fülle von Aspekten Kronzeugen der jüngsten Geschichte hätten beitragen können, wären sie zu einer Zeit befragt worden, wo ihr Gejüngsten noch ungetrübt war.

Wieviel deutlicher, plastisch in ihren Details, stünde die Erste Deutsche Republik da, hätte man ihre Protagonisten und beispielgebenden Randfiguren, die Sozialisten, Konservativen oder Nationalbolschewisten, rechtzeitig befragt.

Daß sich auf diese Weise, durch das Bekenntnis eines Zeugen, manches Klischee als unangemessen erweist, zeigte die Aussage Heinrich Graf von Einsiedels über das "Nationalkomitee Freies Deutschland" – jene anno 1943 bei Moskau von deutschen Kriegsgefangenen und kommunistischen Emigranten – Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht, Johannes R. Becher, Erich Weinert und Friedrich Wolf unter ihnen – gegründete Organisation, deren Ziel es war, den Krieg durch einen von Rußland aus initiierten allgemeinen Aufstand gegen Hitler, in Sonderheit einen Generals-Putsch im Herrschaftsbereich der Nationalsozialisten, in die Wege zu leiten. Da verteidigte, präzise, kenntnisreich und nüchtern analysierend, ein Nachfahr Bismarcks und Angehöriger eines sächsischen Uradelsgeschlechts, die Kooperation mit der Sowjetunion als die einzig vernünftige, der Integrität des Deutschen Reiches dienliche Politik der letzten Kriegsjahre. Da wurde, in abwägender Rede, der Unterschied zwischen den Interessen der Sowjets und den Interessen der nach Rußland geflohenen kommunistischen Emigranten aus Deutschland herauspräpariert. Da brachte ein Mann den Mut auf, über dem Elend, das in den russischen Gefangenenlagern herrschte (den Mannschaft-Lagern vor allem: Graf Einsiedel verdeutlichte den Unterschied zu den Offiziers- und Generals-Lagern), das noch schlimmere Elend in den deutschen Lagern – Russe als Freiwild! – ins Blickfeld zu rücken.

So weit, so gut und mit Ausnahme einiger läppischer Kamerafahrten (der Graf schnippt seine Zigarettenasche in ein Schälchen; Großaufnahme einer Aristokratenhand) alles durchaus in Ordnung. In schönster Ordnung sogar, wenn man die Sendung nach den Spätnachrichten mit einer in-Sendung Befragung des Erzählers fortgesetzt hätte, um auf diese Weise das knapp Angedeutete zu ergänzen und zu problematisieren.

Wieviel war, ganz unvermeidlich, bei einem Bericht von dreiviertel, Stunden, offen geblieben, wie manches, was hier erzählt worden war, bedurfte nach einem zweiten, eher dialogisch bestimmten Durchgang der Interpretation: Wie zum Beispiel, hätte der Betrachter am Bildschirm gerne erfahren, verlief die Kooperation zwischen dem Bund Deutscher Offiziere und dem Nationalkomitee? Welches Redaktionsgremium gab der Zeitschrift "Freies Deutschland" das Gesicht? Und dann, und vor allem: Gab es Verbindungen über Kriegsende und Zonenteilung hinaus – einen Gedankenaustausch zwischen Heinrich Graf von Einsiedel, Ernst Hadermann und Friedrich Wolf zum Beispiel? Oder unheilige Allianzen zwischen Nationalisten hüben und vaterländischen Kriegern drüben – Allianzen, wie sie während der Weimarer Republik die "linken Leute von Rechts" zu knüpfen versuchten?

Dreiviertel Stunde für ein zentrales und dramatisches Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte: das ist zu wenig. Momos