Hamburg

Eine schwere Niederlage erlitt der Hamburger Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in der letzten Woche bei den Wahlen zur Lehrerkammer. Von ehedem 29 Sitzen im 40köpfigen Lehrerparlament, dem neben der Eltern- und der Schülerkammer wichtigsten Mitbestimmungsgremium im Hamburger Schulbereich, konnte die GEW nur noch 17 behaupten. Den mehrheitsfähigen Rest teilen sich der Deutsche Lehrerverband (DL) mit zwölf und die "Alternative" mit elf Sitzen.

Der Wahlausgang bedeutet, daß nur noch 43 Prozent der etwa 15 000 Hamburger Lehrer der Schulpolitik der GEW zustimmen. 1973, bei der letzten Lehrerkammerwahl, waren es noch 73 Prozent gewesen. Von etwa 8000 wahlberechtigten Lehrergewerkschaftlern gaben höchstens 5000 der eigenen Wahlliste ihre Stimme – ein Ergebnis, das das wachsende Mißtrauen der Gewerkschaftsmitglieder sichtbar macht.

Eilige Ausreden hatte der GEW-Vorsitzende Dietrich Lemke am Tag der Niederlage zur Hand. Die "schleche Öffentlichkeitsarbeit" seines Verbandes sei für die Schlappe verantwortlich. Wenngleich vordergründig, ist diese Erklärung richtig. Nie zuvor in ihrer traditionsreichen Geschichte hatte die Gewerkschaftsführung die Öffentlichkeit, die Lehrer, aber auch ihre eigenen Mitglieder so stark verunsichert wie in den letzten beiden Jahren. Spektakuläre Rücktritte führender Funktionäre, Pressionsversuche gegenüber Redakteuren der verbandseigenen "Hamburger Lehrerzeitung", wütende Aktionen radikaler Kader ("Allein auf weiter Flur", DIE ZEIT 48/1976) und eine insgesamt realitätsblinde Schul- und Bildungspolitik bestimmten das Erscheinungsbild der Gewerkschaft.

Gestützt auf eine aus Jungsozialisten, DKP- und DFU-Mitgliedern bestehende Koalition, in der sich aber auch Angehörige der dogmatischen K-Gruppen zu Hause fühlen, hatte Lemke die Gewerkschaft vor zwei Jahren auf einen scharfen Linkskurs gesteuert. Die Einführung des Streikrechts für Beamte und die Abschaffung des für alle DGB-Gewerkschaften gültigen Unvereinbarkeitsbeschlusses gegenüber Kommunisten gehören heute zu den "selbstverständlichen" Forderungen der Lehrergewerkschaft.

Innerverbandlicher Widerstand gegen Lemkes Kurs formierte sich schon im Frühjahr 1976. Eine Gruppe sogenannter "gemäßigter" Gewerkschaftler gründete damals die "Alternative" und stellte zu den Wahlen für den Personalrat an Volks- und Realschulen eine eigene Liste auf. Der beachtliche Wahlerfolg – die "Alternative" errang auf Anhieb 40 Prozent der Lehrerstimmen – vertrieb die GEW aus ihrer stärksten personalpolitischen Bastion im Bereich der Schulbehörde, Im Personalrat dominiert seitdem eine Koalition aus "Alternative" und deutschem Lehrerverband.

Auch in der Lehrerkammer wird sich dieses im Personalrat erprobte Bündnis mit einer entscheidungsfähigen Mehrheit nun etablieren können. Offen ist lediglich die Frage, ob die "Alternative", deren Kandidaten allesamt aus der GEW ausgeschlossen werden sollen, ihren neuen Wahlerfolg ausnutzt, um sich endgültig von der GEW zu trennen. Die Gründung eines dritten Lehrerverbandes ist das unter Hamburgs Lehrern am meisten diskutierte Thema. Hans Pitz