Die deutsche Wirtschaft steht vor der nächsten Lohnrunde

Von Michael Jungblut

Es ist wirklich nicht einfach, wenigstens einen Rest von Optimismus in das kommende Jahr hinüberzuretten: Eine Million Arbeitslose und keine Besserung in Sicht; Tausende von Jugendlichen ohne Beruf, die sich von dieser Gesellschaft betrogen fühlen; eine Pleitenwelle, die nicht enden will; ein bröckelnder Dollar, der es deutschen Unternehmen immer schwerer macht, sich am Weltmarkt zu behaupten; eine Wirtschaft, die der Mut zu Investitionen verlassen zu haben scheint.

Und da hinein platzt die Nachricht, daß die IG Metall in Baden-Württemberg für 1978 eine Erhöhung der Löhne und Gehälter um acht Prozent fordern will.

Wer weiß, welche Wünsche von der Basis geäußert worden sind, und wer daran denkt, daß die IG Metall sogar von der maroden Stahlindustrie sieben Prozent verlangt, den darf die Höhe dieser Forderung eigentlich nicht mehr überraschen. Dennoch verschlägt sie für einen Augenblick den Atem. Sind denn die Mahnungen fast aller unabhängigen Sachverständigen, daß Mäßigung bei den Löhnen jetzt eine der wichtigsten Bedingung für eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung ist, völlig in den Wind gesprochen worden? Es fällt schwer, Eugen Loderer und die übrigen Spitzenfunktionäre der IG Metall zu verstehen.

Dennoch muß man es versuchen. Zuviel hängt für uns alle von der Lohnpolitik ab. Nicht nur aus der Sicht der Gewerkschaften müssen Tarifverträge heute vor allem drei Bedingungen erfüllen:

Erstens müssen sie auf die Kostensituation Rücksicht nehmen. Was nützt eine saftige Lohnerhöhung, wenn sie dazu führt, daß ihren Empfängern – weil zu teuer geworden – bald danach entweder eine Maschine ersetzt oder er seinen Arbeitsplatz verliert, weil sein Unternehmen von preiswerter anbietenden Konkurrenten vom Markt verdrängt wird?