Von Gunter Hofmann

Bonn, im Dezember

Viel mehr als eine neue politische Leerformel ist uns mit dem "Nord-Süd-Dialog" bisher nicht beschert worden. Auch die "neue Weltwirtschaftsordnung" verkommt eher zum Schlagwort nationaler und internationaler Fehden. Im günstigsten Fall haben die Dialogversuche zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, Nord und Süd die Polarisierung nicht weiter verschärft: bei der Unctad-Konferenz 1976 in Nairobi und bei der Nord-Süd-Konferenz im Frühjahr in Paris. Aber jüngst in Genf endete die Rohstoff-Konferenz mit einem Eklat: Die "Gruppe der 77", die für die Dritte Welt spricht, zog demonstrativ aus.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die "Unabhängige Kommission für internationale Entwicklungsfragen" mit ihrem Vorsitzenden Willy Brandt, die am vergangenen Wochenende in Gymnich bei Bonn tagte, ein besonderes Gewicht. Gerade weil der "Nord-Süd-Dialog" bisher die Fronten verhärtete, besäße ein Miniatur-Team, das im stillen und fast ohne Apparat arbeitet, eine Chance, wenigstens politisch-psychologisch. Denn die Repräsentanten der verschiedenen Welten müssen in der Brandt-Runde ausnahmsweise einmal nicht darauf Rücksicht nehmen, ob ihnen Verständigungsbereitschaft beim "Dialog" zu Hause prompt als unsolidarisch oder als Verstoß gegen die politische Glaubensordnung ausgelegt wird.

Das Wort von der Entwicklungshilfe ist auf Schloß Gymnich, wo Willy Brandt seine Kommission am vergangenen Wochenende zum erstenmal versammelte, gar nicht mehr gefallen. Es gehe nicht darum, hieß es, wie die reichen Länder den armen helfen sollten, sondern darum, was die Beteiligten für sich selbst und füreinander tun könnten. Weltweite Kooperation, lautet die bevorzugte Formel.

Dahinter steckt mehr als ein semantischer Kniff. Die Barriere des Mißtrauens zwischen den Dialog-Partnern ist ja nicht zuletzt deshalb so hoch, weil die kapitalkräftigen Länder von den internationalen Handelsbedingungen bisher fast allein profitiert haben – die armen Länder also einen "politischen Anspruch" auf veränderte Prämissen zu ihren Gunsten geltend machen. Entwicklungspolitik wird auch hierzulande noch gern als "Opfer" und gnädiger Akt der Moral oder Wohlfahrt begriffen. In Wahrheit geht es darum, die Grundlagen der internationalen Austauschbeziehungen zu ändern. Der Staatspräsident von Tansania, Julius Nyerere, hat zwar einmal gesagt, gerade das sei "beinahe unmöglich", und die verschiedenen Konferenzen der Vereinten Nationen über Handel und Entwicklung hätten "alle eventuell dazu vorhandenen Illusionen zerstört". Aber sein Minister Amir Jamal sitzt immerhin auch in der Brandt-Kommission.

Für jeden Nord-Süd-Dialog, der nüchtern die "gemeinsamen Interessen" herausfiltern will, haben sich die Voraussetzungen gewandelt. Verspätet erkennen die Industrieländer die "lebensbedrohenden Widersprüche" und "folgenschweren Irrwege" der technisch-industriellen Produktion, wie Bundespräsident Walter Scheel das gesagt hat. Und tatsächlich grassiert eine Ahnung von den Schattenseiten des überlieferten Wachstumsbegriffs. Aber gerade, die Industrialisierung war der "Dritten Welt" als "Fortschritt" schmackhaft gemacht und als Modell exportiert worden. Jetzt soll das nichts mehr wert sein?