Frankreichs bedeutendste Tageszeitung

Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im Dezember

Preisfrage: In welcher französischen Zeitung wurde der Bundesregierung folgendes Ultimatum an die Entführer von Hanns Martin Schleyer vorgeschlagen? "Wenn übermorgen um acht Uhr Schleyer nicht frei ist, und zwar bei voller Gesundheit und an einem bestimmten Ort, dann wird allen erwähnten Häftlingen nach angemessener genereller Betäubung ein Beruhigungsmittel injiziert, und zwar in einer tödlichen Dosis. Damit sind Sie nicht nur verantwortlich für die Opfer, die bereits auf Ihr Konto gehen, sondern auch für die neuen Toten."

Diese Zeilen standen in der Pariser Tageszeitung Le Monde verfaßt von Marc Oraison, einem regelmäßigen Mitarbeiter des Blattes, zudem katholischer Priester, Arzt und Schriftsteller. Es ist dieselbe Zeitung, in der Jean Genet, der Schriftsteller, Dramatiker und Anarchist, ein Loblied auf Baader und Genossen sang, in der seit Jahr und Tag der gaullistische General Binoche oder der linke Philosoph Jean-Paul Sartre ihren Haß auf Deutschland verkünden.

Le Monde ist zweifelsfrei das beste, wohl auch das einflußreichste Presseorgan Frankreichs. Heute wird es von vielen Seiten antideutscher Stimmungsmache angeklagt. In der Süddeutschen Zeitung hörte es sich noch relativ vornehm an: "Man wird die Vermutung nicht los, daß in der Redaktion in der Pariser Rue des Italiens mehr als einer sitzt, der glaubt, daß Genet in dem einen oder anderen Punkt vielleicht doch nicht ganz so unrecht habe." Der Spiegel hielt den Monde-Leuten vor, sie leugneten in ihrer Verblendung, daß ihr Blatt antigermanisch sei. Am weitesten ging das EG-Magazin, eine von der Brüsseler Kommission subventionierte Publikation. Es ließ einen deutschen Mitarbeiter in Paris behaupten: "Die antideutsche Welle im Gefolge des Schleyer-Dramas wurde von Le Monde weder zufällig noch improvisiert inBewegung gesetzt. Die bei dieser Gelegenheit bewiesene Gehässigkeit hat Methode ... Le Monde säte Mißtrauen, um das deutsch-französische Verhältnis zu belasten und Frankreich schließlich in die Bahn des Neutralismus zu drängen."

Der renommierte Monde als antideutsches Kampfblatt? Zunächst ist eines unbestreitbar: Die Zeitung berichtet weit mehr als alle anderen französischen Zeitungen über die Bundesrepublik. Germanisten an der Universität Paris III (Asnières) haben ermittelt, daß in einem "Normaljahr" wie 1975 in Le Monde praktisch doppelt so viele Informationen über den Nachbarn standen wie im bürgerlich-konservativen Figaro. Erstaunlich ist dabei, daß über Kultur und Wirtschaft weit intensiver berichtet wurde als über politische Ereignisse. Erstaunlich auch dies: Die neutrale Information überwog eindeutig, positive oder negative Wertungen waren seltener als in anderen Blättern.