Von Jens Friedemann

Wenn am 22. Februar die Berliner Filmfestspiele beginnen, werden einige tausend Ärzte, Anwälte und Kaufleute aus der Bundesrepublik nicht der Hollywood-Prominenz Applaus spenden, sondern zwei Herren aus Köln: dem Finanzkaufmann Jochem Erlemann, Alleininhaber der Anlageberatungsfirma Europäische Treuhand AG, und Dieter Quast vom Institut für Vermögensplanung. Zusammen mit international bekannten Filmkonzernen inszenierten die promovierten Anlageexperten ein Showgeschäft eigener Art, das-Berlin zu neuem Filmruhm und ihren Anlägekunden zu traumhaften Steuervorteilen verhelfen soll.

Als Hauptdarsteller für ein millionenschweres Filmspektakel gewannen sie den Berliner Finanzsenat. Mit Hilfe seiner Steuerbeamten will Erlemann die Filmpläne des US-Branchenführers United Artists von seiner Berliner Abschreibungsgesellschaft CIP Filmproduktions GmbH realisieren lassen. Außerdem soll seine Continental Film- und Disco GmbH & Co KG in Berlin eine Mammutproduktion fertiger Schallplattenaufnahmen für die "Culver Studio City Records", Los Angeles, pressen. Erlemann: "Wir produzieren, was die Amerikaner haben wollen."

Abschreibungsexperte Quast spannte derweil die renommierten Warner Brothers ein. Sie verpflichteten sich, seiner Berliner Gesellschaft Cinema 77 Beteiligungs GmbH & Co KG innerhalb der nächsten achtzehn Monate sämtliche Filme zur Produktion anzubieten. United Artists startete bereits die erste Berlin-Abschreibung mit der Verfilmung des Rock-Musicals "Hair". Warner Brothers folgt jetzt mit den Dreharbeiten für einen Abenteuerfilm über den Surf-Sport.

Daß sich die solventen US-Konzerne mit windigen Abschreibern einlassen, hat gute Gründe. Statt eigenes Kapital einzusetzen, erhalten sie es von den Deutschen. Obwohl sie selbst nur Bankverbindungen und eigene Kredite beisteuern, sicherten sie sich dafür rund drei Viertel der Gewinne – ein Bombengeschäft für sie. Daß die Rechnung auch für die Anleger aufgehen kann, verdanken sie dem Berliner Finanzamt.

Während der Fiskus Normalverbrauchern selbst Pfennigbeträge für Werbungskosten rigoros zusammenstreicht und wegen Nichtigkeiten Prozesse riskiert, bestätigte er die steuerliche Konzeption der Filmamateure vom Rhein, die inklusive Fremdfinanzierung vorerst auf hundert Millionen Mark konzipiert ist, in allen Einzelheiten. Zur Frage, wie verbindlich denn die Stellungnahmen seiner Behörde in diesen Fällen tatsächlich sind, schwieg sich Finanzsenator Riebschläger aus.

Laut Freibrief des Fiskus dürfen die Anleger die gesamten Herstellungskosten der Filme sofort und Erlemanns zusätzliche Schallplattenproduktionen im Wert von fünfzehn Millionen Mark (ein Vielfaches der Teldec-Jahresproduktion) über fünf Jahre verteilt abschreiben. Das heißt: Sie können ihre steuerpflichtigen Einkommen um mehr als das Doppelte ihres Einsatzes mindern. Über die ersparten Steuern zahlt damit Bonn die Filmzeche des Berliner Finanzsenats.