Ein Gastarbeiter-Schicksal zwischen "Klein-Istanbul" und Neubausiedlung

Von Ruth Herrmann

Im November 1972 lernte ich Saime Özdemir kennen. Damals war sie schon zwei Jahre in Deutschland. Ihr Mann hatte die Heimat bereits 1964 verlassen, Frau und Kinder nur einmal jährlich im Urlaub sehen können. Nach sechs Jahren stand dann sein Name obenan auf der Warteliste, und sein Arbeitgeber, der Werfteigner, konnte ihm an Stelle der Ein-Mann-Schlafstelle eine Unterkunft zuweisen – zwei Stuben mit Küche im Barackenlager hinter dem Elbdeich, das die Einheimischen "Klein-Istanbul" nennen. Ender Özdemir nahm die Frau und seine vier Söhne mit nach Hamburg. Im Jahr darauf bekamen sie eine Tochter.

Daß ich damals zu den Özdemirs kam, war ein Zufall. Ich wollte über das Türkenlager schreiben. Die größeren Kinder von "Klein-Istanbul" wußten es, weil ich in ihrer Schule gewesen war, und bei dem Gerangel von einem Dutzend Jungen um mich, siegten Mehmet und Turan Özdemir, die mich in ihre Unterkunft zogen. Ihre Mutter war freudig überrascht, als ob sich ein Wunder ereignete, an das sie niemals geglaubt hätte. Eine deutsche Frau besuchte sie! In den Jahren danach hat die Familie dann keinen deutschen Gast mehr gehabt und ist niemals von Deutschen eingeladen worden.

Selbstverständlich bewirtete sie – mich sofort mit Kahve, dem einzeln in kleinen Tassen zubereiteten Mokka. Sie brachte türkisches Konfekt, Haselnüsse, Apfel und Saft, tat alles lächelnd, nickte mir freundlich zu, aber sprach nicht. Sie blieb die ganze Zeit abseits vom Tisch stehen, etwas vornübergebeugt in einer dienenden Haltung, die höflich, nicht unterwürfig wirkte.

Saime war einunddreißig, ihre Söhne zwölf, zehn, sieben und fünf Jahre alt. Die Tochter mußte etwa ein Jahr alt sein – für den Kinderwagen, in dem sie schlief, weil ein Bett keinen Platz! hatte, war sie zu groß.

Über den großen, dunklen Augen der Mutter, am Rand des weißen Musselintuches, in das ihr Kopf eingebunden war, bewegten, sich grüne und rote tropfenförmige Glasperlen; die leise klingelten. Sie trug den Schleier nicht mehr streng nach alter Sitte, Nase, Mund und Kinn waren frei. Als einmal ein Mann hereinschaute – ihr Schwager, wie ich erfuhr – zog sie das Tuch wie in einem Reflex bis zu den Augen hoch. Vom Haar war nur ein dicker, langer Zopf auf dem Rücken sichtbar.