Der Kanzler Willy Brandt sei anno 1974 über pikante Details aus seinem Privatleben gestolpert, von denen der DDR-Spion Guillaume gewußt habe, und Wehner habe bei seinem Sturz entscheidend mitgeholfen. So ist es in Nollaus, des einstigen Verfassungsschützers, Erinnerungen eingegraben. Jedenfalls kann man es so schon vor Erscheinen dieser Memoiren aus einem Abdruck im Spiegel entnehmen. Es heißt, daß Willy Brandt im Zusammenhang mit Nollaus Offenbarungen das Wort "dreckig" angewandt hat. Ist es so, dann hat Willy Brandt recht gehabt.

In Frankreich, dem Lande, dem wir den Kult pikanter Details zugute rechnen, hatte es vor einigen Jahren wohl keinen Journalisten gegeben, der nicht wußte, daß ein bedeutender Politiker ein "Privatleben" hatte, sodaß seine Ehescheidung unmittelbar bevorzustehen schien. Niemand, kein Zeitungsmann, kein Politiker, kein offener oder heimlicher Gegner hat Kapital daraus geschlagen. Kein vorzeitig oder rechtzeitig In den Ruhestand getretener Beamter hat diese Episode in seinen Memoiren erwähnt.

Und in Deutschland – was gehen "Szenen aus dem Privatleben eines Staatsmannes" die große Öffentlichkeit an? Nichts und abermals nichts! Und wenn ein Memoiren-Schreiber auf solche Einzelheit ten angewiesen ist, auf solche Versuchen das Bild eines Mannes zu schwärzen, dessen, politische Vergangenheit sauber, dessen persönliches Ansehen gerade auch im Ausland groß ist, dann hätte er diese Schreibtischübeltat wohl besser ungeschehen bleiben lassen.

Er habe, so könnte Nollau antworten, als ehemals handelnde und also kritisierte Person ein Recht, die Führung seines Amtes zu verteidigen. Nun, wir wollen nicht verlangen, daß er wie Bismarck handele, der einen Teil seiner Memoiren, der für Zeitgenossen kompromittierend hätte sein können, erst fünfzig Jahre später veröffentlicht wissen wollte. Nollau weiß, wozu pikante Details gut sind. Er will sein Geld sofort.

Vielleicht bekommt er es ja reichlich. Aber nach der Lektüre des ersten Teils seiner Erinnerungen im Spiegel habe ich nicht den Eindruck, daß wir ein an Perspektiven reiches Bild von der jüngsten deutschen, an Dramatik und Gefahren nicht armen Geschichte bekommen. Nollau, der alles weiß, alles erschnuppert, ist kein Sueton, der im Schatten der klassischen Palast-Säulen zu Rom kalt beobachtete, was um ihn her geschah, und der es zu formen und damit zu deuten wußte. Aber wenn schon, denn schon! Warum kann ich nicht als ein heroisches Schauspiel miterleben, wie ein Siegfried-Brandt von einem Hagen-Wehner auf seine schwache Stelle hin geprüft und wie ihm der (politische) Todesstoß versetzt wird, wobei der Nibelung Nollau die Speerspitze führt?

Doch nein: So wie es dargestellt ist, so kleinkariert, muß man bei den Damen, die für Siegfried schwärmen, nicht an Krimhild und Brünhild, bei Hagen nicht an einen Speerwerfer, sondern an einen Pfeifenraucher denken, und dann: Wehner hat ja getan, was Hagen nicht konnte: nachdrücklich dementiert und den im Nebel stochernden Nibelung Lügen gestraft.

Im übrigen bin ich gespannt, was der Spitzel und sin Fru schreiben werden, denn es dürfte doch wohl! sicher sein, daß die Guillaumes ihre Memoiren auch ihrerseits schon in der Mache haben.