Die "Neue Sprache" der Pädagogik soll die Schule wissenschaftlicher machen – doch sie fördert Denkfaulheit

Von Günter Klingenberg

Die Befürchtung vieler Eltern und Lehrer, der Linguisten-, Pädagogen- und Soziologenjargon könne sich auch in den Schulen ausbreiten, ist begründet, Wie es scheint. In letzter Zeit liest man in Schulbüchern immer häufiger Worte wie Defizit-Hypothese, generative Transformationsgrammatik, semantische Kodierung, Morphemtypen, Sekundärsozialisation, sozio-ökonomisches Niveau. Noch sind sie nicht allzu sehr verbreitet, nicht buchbeherrschend; doch die Vorliebe vieler deutscher Autoren für Fachsprachen und die Furcht, andernfalls als unwissenschaftlich und rückständig zu gelten, werden wohl immer mehr Schulbuchautoren veranlassen, sich zunehmend der wissenschaftsstringenten Terminologie zu bedienen.

In den letzten hundert Jahren haben Lehrer versucht, auf maßvolle Weise (von einigen fanatischen Sprachreinigern abgesehen) vieldeutige, nichtssagende und verdunkelnde, vor allem also dem Bildungsprestige dienende Fremdwörter zurückzudrängen und einen Mittelweg zu finden zwischen rassereiner Deutschtümelei und elitärem Fremdwörterjargon. Verschiedene staatliche Einrichtungen haben in ihren Bereichen diese Bemühungen unterstützt. So wurden beispielsweise auf Anordnung Bismarcks im Postwesen über fünfhundert Fremdwörter durch deutsche Wörter ersetzt. Insbesondere unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hat es sich eine Lehrergeneration zur Aufgabe gemacht, der Jugend den Blick zu schärfen für das Übel scheinwissenschaftlicher Sprachregelungen.

Einstein liest sich leichter

Offenbar geraten diese Anstrengungen jetzt in Vergessenheit. Seit etwa zwanzig Jahren werden in der Fachliteratur der Pädagogik immer mehr Fremdwörter für deutsche Wörter gesetzt, von jenen, die das Hauptverdienst an der bisher so erfreulichen Entwicklung hatten: von den Pädagogen selber. Was in vielen Jahren gegen Bildungsdünkel, Gewohnheit und Vorurteil erreicht worden ist, läuft Gefahr, durch die "Neue Sprache" binnen kurzer Zeit zunichte gemacht zu werden. Das ist eine bedauerliche, in ihrer Plötzlichkeit einmalige und kaum zu erklärende Erscheinung im deutschen Bildungswesen.

Warum werden diese Fachbegriffe jetzt auch in die Schulen gebracht? Es geschieht angeblich in der Absicht, die Schüler teilhaben zu lassen an der Sprache der Wissenschaft; denn, so behaupten viele ihrer Vertreter, allein sie garantiere Erkenntnissicherheit im Denken und Eindeutigkeit im Sprechen. Diese Behauptung ist zweifelhaft. Dichter, Autoren, Journalisten, unter ihnen zahlreiche Nichtwissenschaftler, haben bewiesen, daß der Wort- und Formenschatz unserer Allgemeinsprache, mit Sorgfalt verwendet, Gedanken tragen kann, die an Tiefe und Schärfe denen des Curriculums und anderer Wissenschaften nicht nachstehen. Auch haben die meisten großen Wissenschaftler für die Wiedergabe ihrer Erkenntnisse und Ideen keine neuen Sprachsysteme konstruiert. Aufsätze und Vorträge von Planck, Einstein, Heisenberg lesen sich leichter als heute Einführungen in die Hauptschulmathematik, wo die Rede ist von extrinsisch motivierenden Situationen, intendierter logischer Schulung, infralogischen Strukturen.