Der dänische Ministerpräsident Anker Joergensen wundert sich noch immer, warum der sowjetische Regierungschef Kossygin während der vergangenen Woche in Helsinki bei den Feiern zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit Finnlands so sehr aus der Rolle gefallen ist.

Wir gingen alle zusammen in eine Ecke des großen Festsaales", rekapitulierte Joergensen Anfang dieser Woche vor deutschen Journalisten, "und dort wollte Kossygin einiges von uns, den Regierungschefs der fünf nordischen Länder, erfahren." Erst verlief die Diskussion in freundlichen Bahnen, aber dann wetterte der Sowjetpremier lautstark gegen deutsch-norwegische Manöver vor der Küste Norwegens.

Nachdem der Osloer Ministerpräsident energisch darauf hingewiesen hatte, die Zusammenarbeit sei nicht außergewöhnlich, warf Joergensen ein: "Aber in der Ostsee finden auch oft Manöver statt, und wir verfolgen sie mit großem Interesse." Er spielte damit im die häufigen sowjetischen Kriegsspiele in unmittelbarer Nähe der dänischen Küste an, die in Dänemark immer wieder einige Unruhe auslösen.

Danach kam Kossygin auf die Atombombe und die Neutronenwaffe zu sprechen. Joergensen erinnerte daran, Skandinavien sei eine atomwaffenfreie Zone. Kossygin daraufhin in zornigem Ton: "Aber Sie sollten auch gegen die Neutronenwaffe sein." Joergensen: "Ich bin gegen alle Atomwaffen." Doch der sowjetische Premier blieb erregt, "für meinen Geschmack etwas zu erregt" (Joergensen), so daß der Däne ihn zu beruhigen versuchte.

Als nächsten Diskussionspunkt schnitt Kossygin die Frage an, warum immer von Ost und West die Rede sein müsse. "Lassen Sie uns statt dessen", so schlug er vor, "doch lieber von der Sowjetunion, von Norwegen oder Schweden sprechen." Joergensen: "Aber wir sollten auch über den Warschauer Pakt und die Nato reden." Kossygin daraufhin: "Lassen wir sie verschwinden." "Gut", meinte Joergensen, "aber sagen Sie mir mal, wie?"

Zum Schluß habe sich der sowjetische Premier dann beruhigt. Joergensen kann bis heute nicht verstehen, "warum wir diese ernsten Probleme ausgerechnet während der finnischen Unabhängigkeitsfeiern diskutieren mußten".

Dieter Buhl (Kopenhagen)