"Frühe Schriften", von Wilhelm Reich. Gleich drei Bände umfaßt die Edition der frühen Schriften Wilhelm Reichs. Ob das in solcher Breite sinnvoll ist, bleibe dahingestellt. Zeigen auch schon die ersten Arbeiten aus Reichs Wiener Jahren, wie früh und wie beharrlich der junge Forscher seine an Freuds Begriff der Aktualneurose anknüpfende Auffassung der Neurose als einer eher biologisch denn psychologisch zu verstehenden Störung in der Ökonomie der Sexualenergie entwickelt, zeigen sie also Kontinuität und Konsequenz des Weges von der Psychoanalyse zur Biophysik, so sind sie eben deshalb eher Präludien, die bei aller Fülle an scharfsichtiger klinischer Beobachtung und argumentatorischer Brillanz heute vorwiegend wissenschaftsgeschichtlich interessant sind. Und die Hoffnung des amerikanischen Vorwortautors ehester M. Raphael, mit dem Aufweis seiner Kontinuität lasse sich die parzellierende Ausschlachtung von Reichs Werk (hier Psychoanalyse, da Marxismus, dort "Bioenergetik") verhindern und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Anspruch seiner Organtheorie fördern, dürfte wohl illusorisch sein. Der vorliegende erste Band enthält neben Zeitschriftenpublikationen und der etwas umfangreicheren Arbeit über den "triebhaften Charakter" (1925) auch eine Erstveröffentlichung: den wohl 1920 geschriebenen Essay über Libidokonflikte und Wahngebilde in Ibsens "Peer Gynt", den Reich selbst als eminent wichtig für seine geistige Entwicklung betrachtet hat. (Band 1; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1977; 340 S., 29,80 DM)

Hans Krieger

"Auf Immerwiedersehen – Begegnungen mit dem beginnenden Jahrhundert", von Juliana von Stockhausen. Eine Offizierstochter vom Jahrgang 1900 gibt sich alle’Mühe, uns die Umwelt ihrer Kindheit und der frühen Jugend vorzuführen und zu erläutern, ohne diese Umwelt preiszugeben. Was vorbei ist, muß deshalb nicht schlimm gewesen sein, vor allem: nicht nur schlimm. Wenn es um Frauen geht, das heißt: um Damen, tut sich die Verfasserin am leichtesten. Die Schreckensgeschichten von ungut vermählten oder von nicht mehr vermählbaren Töchtern sind spannend und lehrreich. In Süddeutschland werden beim Damentee die Hüte abgesetzt, im Norden keineswegs. In manchem Damenschreibtisch liegt auch bereits Ibsen, unter blauem oder violettem Briefpapier versteckt. Außerhalb der weiblichen Gehege hat Juliana von Stockhausen nicht so viel entdeckt. "... Adelsstolz war mir neu; in meiner Familie gab es das nicht. Eltern und Großeltern würden das ungeachtet ihres Standesbewußtseins als dumm und taktlos verurteilt haben." (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1977; 280 S., 29,80 DM) Christa Rotzoll

"Spott ist allmächtig – Lästerlyrik", von Hans Scheibner. Auch Kleinvieh (Kleinkunst) macht Mist, und bei Scheibner, in der Hamburger "Szene" seit langem als "Lästerlyriker" aktenkundig, hat sich einiges zusammengeläppert, beziehungsweise -gelästert. Ein Taschenbuch bilanziert jetzt den Totalschaden. "Beziehungs-weise" ist zur Kennzeichnung des singenden Satirikers Scheibner übrigens das Schlüsselwort: Ausgehend von Werner Fincks berühmtem Standort der "Radikalen Mitte" bezieht Scheibner seinen Witz weise auf jeden, der vor Dummheit danach schreit. Geldgrößen, Pressegewaltige, Politiker, Spießer, Pseudo-Poeten und Pseudo-Proleten – die satirischen Ungerechtigkeiten werden peinlich gerecht nach allen Seiten verteilt. Mit den Texten seiner neusten LP "Heilger Marx!" (Philipps 6305 345; der Rowohlt-Band enthält einige davon) setzte Scheibner sich sogar schwungvoll zwischen rote und braune Stühle und wird dafür jetzt von seinen Ex-Freunden, den linken Liedermachern, links liegengelassen, (rororo 4132, Rowohlt-Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1977; mit Illustrationen von Heinz Edelmann; 204 S., 4,80 DM) Hans-Hermann Kersten

"Aqua Regia – Zeitschrift für Literatur und andere Kulturschätze". Kann man eine neue Alternativzeitschrift empfehlen, indem man öffentlich vor ihr warnt? Fast sollte man warnen, denn – Vorsicht! – "Aqua Regia ist, chemisch, die Rauchende Salpetersäure, das "Scheidewasser", geeignet zur Auflösung unedler Metalle. Entsprechend programmatisch fordert Theodor Weißenborn ("Aufruf zur Zersetzung") im ersten Heft: "Eine Literatur, die sich selber versteht als Kritik an der Gesellschaft, muß ätzen wie Salzsäure Da nun aber Gold von der Salzsäure nicht angegriffen wird, geht es den Autoren und Graphikern in "Aqua Regia" trotz allen Qualms in der Küche letztlich wohl doch um das Herausdestillieren haltbarer Werte. Darum: das unvermeidliche Heulen und Husten über diesem ätzenden Produkt aus dem Literatur-Labor sollte jeder riskieren, für den "Kritik" noch kein Schimpfwort ist. (Bezugsadresse: Jürgen Groß, Nienkamp 7, 4430 Steinfurt-Burgsteinfurt; erscheint dreimal jährlich; Abonnement 10,– DM, Einzelheft 4,–DM) Hans-Hermann Kersten