Baden-Baden: "Antoni Tàpies, Rolf-Gunter Dienst, Peter Dreher"

Kunsträume aus Epitaphen und Gläsern sind zur Zeit in Baden-Baden neben der aus Bremen übernommenen Tàpies-Ausstellung zu sehen. Sie entsprechen dem magisch-meditativen Oeuvre des Katalanen. In eine Totenkammer sind die unteren Kabinette der Kunsthalle verwandelt durch die Epitaphe für Ad Reinhardt von Rolf-Gunter Dienst. Der Kunstschriftsteller, Kritiker und Syn-Maler hat den amerikanischen Schwarzmaler und Philosophen noch, wenige Jahre vor dessen Tod in New York kennengelernt. Dicht aneinandergereiht wie eine Kette sind 72 schwarze, kleinformatige Tafeln gleicher Größe: Grabmale mit Grabinschriften in der wahren Bedeutung des Titels. Denn sie sind geschrieben, diese nur aus größerer Entfernung monochrom schwarzen Bilder. Nähert der Betrachter sich ihnen, dann entdeckt er differenzierte Farbspuren und geometrische Figuren in den aus Kürzeln gewobenen Tafeln. Farbe und Zeichen rhythmisieren die Flächen so, daß sie zu atmen scheinen. Ad Reinhardt ist tot, seine Bilder nicht, nicht seine Kunsttheorie, die besagt: "Der eine Maßstab in der Kunst ist Einheit und Schönheit, Richtigkeit und Reinheit, Abstraktheit und extreme Feinheit. Das eine, was sich über die beste Kunst sagen läßt, ist die Atemlosigkeit, Leblosigkeit, Todlosigkeit, Inhaltslosigkeit, Formlosigkeit, Raumlosigkeit und Zeitlosigkeit. Das ist immer das Ziel und Ende der Kunst." Inhaltlos sind die Bilder des Freiburger Malers und Kunstprofessors Peter Dreher nicht, der bei Hubbuch, Schnarrenberger und Heckel studiert hat. Aber sie sind zeitlos, schön und richtig. Dreher malt in neutralisierendem Pinselduktus den Morgen- und Abendhimmel über dem Hochschwarzwald, setzt romantische Wolkenstudien zu Riesenpuzzlebildern zusammen, malt Bergsilhouetten und immer wieder Gläser. Unter dem Motto "Tag um Tag ist guter Tag" hat er von 1974 bis 1977 ein und dasselbe schlichte Wasserglas in immer wieder der gleichen Position und im gleichen Format gemalt. Diese 200 Gläser, immer wieder andersfarbig sanft schimmernd, sind im großen Lichtsaal der Kunsthalle so angeordnet, daß sie wie ein Fries in Augenhöhe des Betrachters hängen. Im rechten Winkel zieht sich dieser Glas-Fries bereits über dem Treppenaufgang hinauf und gestaltet den Saal, inszeniert ihn regelrecht, da er genau dem Stuckmuster der Decke des 1908 erbauten Hauses, der Marmorkonsole über der Heizung und dem in kleine Rechtecke aufgeteilten Oberlichtfenster antwortet. Der Raum – eine einzige kühle, gläserne Stille, ein ungewöhnliches Environment. (Kunsthalle bis zum 5. Januar 1978, 3 Kataloge: je 17,50 Mark)

Christa Spatz

Wichtige Ausstellungen

Düsseldorf: "Gotthard Graubner – Frühe und neue Malerei, Farbräume und Farbraumkörper, Arbeiten auf Papier" (Städtische Kunsthalle bis 22. Januar 1978, Katalog 25 Mark)

Bremen: "Zurück zur Natur – Die Künstlerkolonie von Barbizon" (Kunsthalle bis 22. Januar 1978, Katalog 34 Mark)

Frankfurt: "Dada in Europa – Werke und Dokumente" (Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie bis 8. Januar 1978, Katalog 20 Mark)