Von Sabine Hild

Ein Jahr ist es her, seit die Militärs in Argentinien auch das Kommando über die Fußballweltmeisterschaft übernommen haben. Per Gesetz Nummer 21 349 erklärten sie die Durchführung dieser Welt-Show, die vom 1. bis 25. Juni 1978 ausgetragen wird, zur "nationalen Sache". Und seit einem Jahr läuft alles generalstabsmäßig ab. Pannen wie in Montreal kann man sich nicht leisten. Zuviel an nationalem und internationalem Prestige steht auf dem Spiel. Für umgerechnet 650 Millionen Mark entstehen nach inoffiziellen Berechnungen Hotels, Wettkampfstätten, Verbesserungen des Nachrichtenwesens und des Verkehrssystems. "Wir haben zwanzig Jahre auf manchen Gebieten nachzuholen", sagt der Industrielle Dr. de Lorenzo, bis vor kurzem noch Pressechef und einziger Zivilist in der staatlichen WM-Führungsspitze.

Jetzt, acht Monate vor dem großen Ereignis, ist man bei der Aufholjagd dem Plan schon um mehrere Wochen voraus. Die drei neuen Stadien in Mendoza, Cordoba und Mar del Plata sind schon fast fertig, und die Umbauten in den Stadien von Rosario und Buenos Aires gehen zügig voran. Ein Streikverbot bewahrt den Veranstalter vor unangenehmen Überraschungen. Die technischen Geräte und Anlagen sind alle bei ausländischen Firmen bestellt. Auch hier scheint Geld keine Rolle zu spielen. Allein die deutsche Siemens AG erhielt einen Regierungsauftrag für über 15 Millionen Mark.

"Dieses Verfahren, das auch der Schah bei den Asienspielen in Teheran 1972 anwandte, garantiert das Modernste an technischer Ausrüstung", sagte der Hamburger Horst Seifart, Programmchef der Eurovision und damit auch zuständig für die Fernsehübertragung. Für die rechtzeitige Fertigstellung sorgt die Drohung mit saftigen Konventionalstrafen. Eines scheint also sicher zu sein: Pünktlich am 1. Juni 1978 wird das Eröffnungsspiel mit Titelverteidiger Bundesrepublik Deutschland im River-Plate-Stadion von Buenos Aires angepfifen.

Was aber bringt die WM dem daheimgebliebenen Fußballfan, der vor dem Fernsehschirm sitzt? "Wir haben für das europäische Publikum sehr günstige Sendezeiten ausgehandelt", sagt Horst Seifart. Jeweils zwischen 17.30 und 18 Uhr, beziehungsweise zwischen 20 und 20.30 Uhr liegen die Anstoßzeiten für die Spiele, die alle live und in Farbe – nach dem deutschen PAL-System – ausgestrahlt werden.

Einen bundesweiten Fernsehärger über das sogenannte Weltprogramm, wie zuletzt 1976 bei den Zusammenschnitten verschiedener Wettkämpfe aus Montreal, wird es nicht mehr geben. Seifart: "Durch die technische Weiterentwicklung der Satellitenkapazität ist zum erstenmal ein neues System der Fernsehübertragung möglich geworden. In Argentinien stehen jetzt mehrere Satellitenkanäle zur Verfügung, damit können alle gleichzeitig ablaufenden Spiele übertragen werden. Ein kompromißgeplagtes Weltprogramm ist daher nicht mehr nötig. Jedes Land kann sich – sofern es über eine Satellitenstation verfügt – das gewünschte Spiel abnehmen und auf diese Weise ein eigenes Programm zusammenstellen. Die Verantwortung liegt bei den einzelnen Sendeanstalten."

Also gar keine Probleme? Zumindest seit den Fernsehberichten über die Reise der deutschen Nationalmannschaft durch Südamerika ist das hiesige Fußballvolk skeptisch geworden. Die Bildqualität war katastrophal. Auch die Kameraführung ließ einiges zu wünschen übrig: Man sah oft durchtrainierte Waden, schmerzverzerrte Gesichter oder spannende Zweikämpfe; aber der Schwenk von der Großaufnahme zur Totalen kam viel zu selten. Es fehlte die Spielübersicht. "Leider", bemängelt auch Seifart, "konnte dies für uns noch keine Generalprobe sein, denn alles wurde mit veralteten Kameras und in mangelhaft ausgerüsteten Stadien aufgenommen. Doch rechtzeitig zur WM wird es pro Stadion fünf bis sieben neue Kameras nach internationalem Standard geben. Bestimmte Kameras auf der Tribüne filmen im Gegensatz zu uns spezifisch arbeitsteilig. Das bedeutet zum Beispiel bei Nahaufnahmen: die eine nimmt nur den Angriff, die andere nur die Abwehr auf."