Von Dietrich Strothmann

Das Alte Testament ist voller symbolischer Geschichten über den Frieden. Eine endet mit dem Satz: Die Völker wären untereinander versöhnt, sobald die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet würden. Eine andere schließt mit dem Vergleich: Wenn der Löwe beim Lamm liegt, hat der Krieg ein Ende. Das Alte Testament ist so etwas wie das israelische Grundgesetz. Und Menachem Begin, Regierungschef in Jerusalem, brüstet sich als Hüter dieses Kodex. Indes, der Ausgang der israelisch-arabischen Konferenz, die Mitte dieser Woche in Kairo begann, ist noch ungewiß.

Zwar sind die Chancen eines friedlichen Ausgleichs gewachsen, hat die Erkenntnis an Boden gewonnen, dies sei die letzte Möglichkeit, die "Barbarei des Krieges" (Sadat) zu bannen. Aber vorläufig gilt dies nur für die Beziehung zwischen Ägypten und Israel. Es gilt auch nur für den Fall, daß Sadat an der Spitze des stärksten arabischen Staates bleibt und ihm seine Gönner weiterhin die Stange halten. Und dies wiederum setzt voraus, daß Israel dem Ägypter mit friedensfördernden Angeboten über die Hürden hilft. Auch bei der Suche nach einem Ausweg aus Krieg und Feindschaft geraten die Protagonisten leicht in einen Teufelskreis.

Sadat freilich, der mit seinem Überraschungscoup die Amerikaner überrumpelte, die Sowjets ausmanövrierte und seine arabischen Widersacher in Harnisch versetzte, wird die Wirkung genau berechnet haben. Die Vermutung erhärtet sich, daß er zuvor aus Jerusalem klare Signale erhalten hatte, die ihn zu seiner waghalsigen Parforce-Tour ermutigten. Doch wie kann die vielbeschworene "Dynamik des Friedens" ihren Schwung behalten?

Die Amerikaner, die sich erst einmal damit abgefunden haben, daß ihr Genfer Globalszenario durchbrochen wurde, haben sich vergeblich um eine Vergrößerung der Kairoer Konferenz bemüht. Außenminister Vance vermochte auf seiner dritten Nahost-Rundreise innerhalb von nur zehn Monaten weder Jordanien noch Syrien an den Verhandlungstisch zu bringen.

Die neue amerikanische Kalkulation geht davon aus, daß ein Verhandlungsprozeß in Gang kommt, der am Ende in Genf abgeschlossen wird. Dort sollen dann die Verhandlungspartner unter Assistenz der Groß- und Garantiemächte ihre zweiseitigen Abmachungen absegnen.

Diese Rechnung kann jedoch nur aufgehen, wenn bereits im ersten Stadium prinzipielle Probleme einer Gesamtlösung wenigstens in Ansätzen gelöst werden – also nicht nur ein Sinai-Rückzug; wenn Israels Konzessionen so weit reichen, daß Sadat sie den Jordaniern, Syrern und Palästinensern präsentieren kann, und wenn die Sowjets sich bereit finden sollten, den separaten Verträgen zuzustimmen. Immerhin heißt es aus Sadats Beraterkreis: Ägypten ist aus dem Schneider, wenn sich Israel generell zum Abzug verpflichtet; Zeitplan und Bedingungen sind dann Nebensache.