Nach dem Sturz von Soares: Präsident Eanes besucht die Bundesrepublik

Von Horst Bieber

Größer könnte der Gegensatz zwischen den beiden Hauptfiguren der portugiesischen Regierungskrise kaum ausfallen: Hier der hagere, schweigsame, kühl und gelegentlich asketisch wirkende Generalspräsident Antonio dos Santos Ramalho Eanes, älter als seine 42 Jahre; dort der kleine, untersetzte, lebhafte, redefreudige und die Privilegien seines Amtes in vollen Zügen genießende Ministerpräsident Mario Alberto Nobre Lopez Soares, jünger als seine 53 Jahre. Kein Autor hätte die Kontrahenten des Staatsschauspieles – von dem noch niemand weiß, ob es als Tragödie oder Farce enden wird – besser aussuchen können:

Mario Soares, der umtriebige, quirlige, von Thema zu Thema hüpfende Politiker, würde einen glänzenden Schauspieler abgeben. Seine Frau ist es, eine bekannte Darstellerin sogar, die heute als sozialistische Abgeordnete im Parlament sitzt. Er hatte Lehrer werden wollen, bekam aber von der damaligen Geheimpolizei nicht das notwendige Leumundszeugnis und studierte deshalb Jura. Antonio Ramalho Eanes – faktenbesessen, belesen und unbequem hartnäckig nachfragend – ließe sich gut als strenger und gerechter Richter vorstellen, doch der Sohn eines Maurermeisters mußte die Karriere der kleinen Leute einschlagen und wurde Berufssoldat.

Die Widersprüche des lusitanischen Geistes treffen in den beiden Figuren aufeinander. Da ist der sozialistische Politiker aus großbürgerlichem Hause, ein – wenn nötig – gottbegnadeter Demagoge, dem seine Freunde nachsagen, er liebe den Luxus und die maßgeschneiderten Anzüge zu sehr, und dem seine Feinde vorwerfen, er sei eitel und egozentrisch. Da ist der Offizier aus kleinen Verhältnissen, an dem seine Freunde bemäkeln, er sei zu sachlich, zu introvertiert und vor der Öffentlichkeit zu verklemmt, und über den seine Gegner klagen, er verteidige zu skrupelhaft eine nur mäßig geliebte Verfassung.

In diesem Punkt unterscheiden sie sich: Soares, gelegentlich bissig und verletzend, hat Feinde; Eanes, gelegentlich humorvoll, aber immer höflich, hat bestenfalls Gegner. Wie ein portugiesischer Journalist kategorisch urteilte: "Marios in der Tat bemerkenswerte Krawatten erzeugen Neid, Antonios bescheidene Schülerbrillen Respekt." Freilich: "Mario" ist oft zu hören, das familiär-vertraute "Antonio" dagegen selten.

Und trotzdem schätzen sich die beiden so unterschiedlichen Männer. Ihr Umgangston ist herzlich, ja sogar freundschaftlich. Jeder achtet die Qualitäten des anderen und weiß genau, daß die Krise nur Schulter; an Schulter zu meistern ist. Eanes garantiert Stabilität und Ruhe, Soares – immer noch der beliebteste Politiker Portugals – den Witz und Einfallsreichtum, deren es bedarf, um aus der Sackgasse herauszukommen.