Die Prognosen für die Zinsentwicklung im Jahre 1978 widersprechen sich. Die Mehrzahl der Experten schließen für die zweite Jahreshälfte einen leichten Zinsanstieg nicht aus. Möglicherweise – so das Bankhaus Dellbrück & Co – könnte zum Jahresende bereits die 7-Prozent-Marke gestreift werden.

Selten waren an einem Jahresende die Zinsen so niedrig wie diesmal. Gesamtwirtschaftlich gesehen ist das zu begrüßen. Denn niedrige Zinsen verbilligen die Investitionen. Für den Sparer ist dieser Zustand weniger erfreulich. Er würde gern mehr kassieren. Und er denkt bereits an den Zeitpunkt, da die Zinsen wieder steigen werden. Für die Besitzer festverzinslicher Papiere bedeutet dies rückläufige Kurse, für Großanleger, wie Versicherungen, ärgerliche Abschreibungen, die dann die Durchschnittsverzinsung der angelegten Gelder drückt.

Der private Geldanleger ist bereits vorsichtig geworden. Ihm sind Anleihen mit langen Laufzeiten nicht mehr zu verkaufen. Auch die Rentenfonds sind kaum noch bereit, solche Emissionen aufzunehmen. Die durchschnittliche Laufzeit aller in den Fonds-Vermögen liegenden Rentenwerte dürfte nur noch fünf bis sechs Jahre betragen. Damit begrenzen die Fonds-Manager das Kursrisiko. Anleihen, deren Tilgung in absehbarer Zeit bevorsteht, kleben mit ihren Notierungen relativ dicht am Pari-Kurs, ganz gleich, wie ihr Nominalzinssatz aussieht. Eine optimale Mischung zur Begrenzung des Kursrisikos kann der Normalsparer erst von einer gewissen Größenordnung an herstellen. Kein Wunder, wenn sich immer mehr Leute entschließen, den Rentenfonds ihre Spargroschen anzuvertrauen.

Unmittelbare Gefahr für die Rentenkurse besteht noch nicht. Bundesregierung und Bundesbank sind durch die neuen Devisenzuflüsse in Zugzwang geraten. Sie müssen auch von der Zinsseite her Abwehrmaßnahmen gegen Auslandsgelder ergreifen, so wie es die Schweiz schon seit langem macht. Seit . dem letzten Wochenende ist eine weitere Senkung des Diskontsatzes in der Diskussion. Die vom Sachverständigenrat angeregte Verknappung des Geldmengenwachstums paßt zur Zeit nicht in die währungs- oder konjunkturpolitische Landschaft. Die Dresdner Bank möchte sogar eine weitere Rückführung der nach ihrer Ansicht überhöhten Mindestreserven, die von den Kreditinstituten bei der Bundesbank zinslos unterhalten werden müssen. Dies würde – so die Bank in ihrem letzten Aktionärsbrief – für die Sicherung eines niedrigen Zinsniveaus Sorge tragen.

Auf der anderen Seite steht der in 1978 stark steigende Finanzbedarf der öffentlichen Hände. Er wird größer sein, als bisher angenommen wurde. Besonders dann, wenn die Bundesregierung im Frühjahr – wie viele meinen – ein weiteres Konjunkturförderungsprogramm zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit auflegen muß.

Die Commerzbank meint mutig: "Der Kapitalzins läßt sich voraussichtlich – trotz steigenden Finanzbedarfes des Staates – auf dem jetzigen Niveau gut verteidigen." Dies sicherlich nur, solange der Kreditbedarf der Wirtschaft sich in engen Grenzen hält und die Kreditinstitute weiterhin als Hauptkäufer für festverzinsliche Papiere auftreten. Mit anderen Worten: Der Zins hängt am Konjunkturverlauf. Kommt es zu der wünschenswerten Wirtschaftsbelebung, müssen wir uns auf einen langsamen Zinsanstieg einstellen.

Die Labilität des Rentenmarktes, wie wir sie gegenwärtig erleben, meine verehrten Leser, sollte noch niemand als Zinswende ansehen. Der jetzige Zustand wird durch die zur Jahreswende üblichen Sonderüberlegungen hervorgerufen. Die Großanleger haben ihre Gelder über die Jahreswende hinaus disponiert und halten sich mit Neuanlagen zurück. Andererseits verkaufen sie kaum noch, weil sie die in diesem Jahr erzielten Kursgewinne konservieren möchten. Viele Verkaufsentscheidungen sind bis in den Januar zurückgestellt worden, weil dann der Markt durch die Wiederanlage der Zins- und Tilgungsgelder als besonders aufnahmefähig gilt. 1977 sind an Tilgungen für 30 Milliarden Mark flüssig gemacht worden. Die laufenden Zinserträge betrugen etwa 26 Milliarden.