Seit Anfang der siebziger Jahre versucht das Bundesfinanzministerium vergeblich, die Tätigkeit einer Branche einzuschränken, die damit wirbt, die Steuerschulden gut verdienender Bundesbürger über Abschreibungsprojekte in Vermögen verwandeln zu können. Jetzt zeigt sich, daß – dem Fiskus zum Trotz – allein im Monat Dezember mehr als eine Milliarde Mark in die derzeitigen Favoriten Filmfinanzierung, Ölexploration und Favoriten investiert werden. Das ist mehr, als in der gleichen Zeit an den deutschen Aktienbörsen umgesetzt wird.

Finanzbeamte halten folgende Erklärung parat: Etliche Bundesbürger begleichen in diesen Wochen alte Rechnungen bei Ärzten, Handwerkern und Kaufleuten aus Angst, im neuen Jahr die erhöhte Mehrwertsteuer von zwölf Prozent zahlen zu müssen. Der plötzliche Einnahmezahlen der den Steuersatz erhöht, treibe die Selbständigen in die Arme der Abschreiber.

Tatsächlich aber sprechen wohl gewichtigere Gründe für den unerwarteten Boom. Manche Landespolitiker beginnen, sich angesichts der Misere in ihren Kassen der schier unerschöpflich fließenden Abschreibungsgelder zu entsinnen. So blockierten Berlin und Schleswig-Holstein eine Initiative im Bundesrat zur generellen Einschränkung von Abschreibungsverlusten.

Delikater noch: Obwohl Bundesfinanzminister Hans Apel den Finanzämtern untersagte, Abschreibungsgesellschaften weiterhin Bestätigungen über voraussichtlich eintretende Verluste auszustellen, statteten mehrere Oberfinanzdirektionen Abschreibungsexperten mit steuerlichen Anerkennungsschreiben aus, die weit über das hinausgehen, was der Bonner Dienstherr zuvor verbannte.

Wenn es um die Investitionswünsche der eigenen Landespolitiker geht, scheinen dem Ermessen der Finanzbeamten kaum noch Grenzen gesetzt zu werden. Während Abschreiber in dem einen Amt auf Granit beißen, werden ihre Unterlagen in anderen zügig geprüft, wird das Ergebnis den Wohnsitzfinanzämtern der einzelnen Anleger wie vorgeschrieben auf amtsinternem Weg mitgeteilt.

Wer an das richtige Amt gerät, kann mit Hilfe der Beamten die Einkommensteuervorauszahlungen seiner Kunden um den voraussichtlich entstehenden Abschreibungsbetrag problemlos, zum nächsten Steuertermin herabsetzen. Wer Pech hat, wartet heute noch auf die amtliche Verlustbestätigung für Objekte, die längst begonnen oder fertiggestellt wurden. Hunderte von Steuerpflichtigen – so erklärte Finanzrichter Rüdiger von Schönberg aus Düsseldorf – ziehen derzeit vor die Finanzgerichte, um wenigstens die Stundung ihrer Steuerschulden in Höhe der Abschreibungsverluste durchzusetzen.

Wichtige Erlasse aus dem Bundesfinanzministerium werden derweil in zahlreichen Amtsstuben nicht mehr ernstgenommen. Sie finden keine Beachtung, weil sie nach Ansicht der Fachleute geltendes Recht und langjährig geübte Steuerpraxis außer Kraft setzen. Der Hohn der Abschreiber über dieses "bedenkliche Kapitel rechtsstaatlicher Entwicklung" (Professor Horst Vogel, Bonn) schlägt sich bereits in den Angebotsprospekten der Branche nieder. So etwa in dem häufig anzutreffenden Satz: "Die von der Finanzverwaltung (BdF-Erlaß vom 30. 6. 1976) geäußerte Meinung, daß Emissionskosten nicht in voller Höhe abzugsfähig seien, wird allgemein nicht geteilt."