Von Jens Friedemann

Es gibt Menschen, die wollen Hysterie auslösen. Der amerikanische Senator Frank Church ist einer von ihnen." Dieser unfreundliche Kommentar eines Fernsehsprechers aus dem Ölscheichtum Kuwait am Persischen Golf von Ende November markiert den Höhepunkt eines Rituals, das den Sitzungen des Ölkartells Opec seit der großen Krise von 1973 regelmäßig vorausgeht: die psychologische Schlacht um die Ölpreise.

Wenn nun die Ölminister der dreizehn Opec-Staaten am 20. Dezember in Venezuelas Hauptstadt Caracas über eine neue Preiserhöhung für Rohöl beraten, wird der amerikanische Senator, der diesmal mehr sieht als den üblichen Schlagabtausch, eine wichtige Rolle spielen. Denn das von ihm geleitete "Senate Foreign Relations Committee" glaubt, eine neue arabische Gefahr entdeckt zu haben: fünfzig Milliarden Dollar auf den Konten amerikanischer und britischer Banken. Sie könnten – so meint das Committee in einer Warnschrift – von heute auf morgen wie ein leicht manövrierbares Geschütz eingesetzt werden. Dies und ein mögliches Ölembargo könnten den Westen in ein Chaos stürzen.

Erfahrene Währungs- und Energiefachleute sehen die Situation indes weniger dramatisch. Während das Opec-Kartell den Ölpreis in sieben Jahren um 800 Prozent von 1,40 auf 12,70 Dollar pro Barrel (159 Liter) hochtrieb, folgten die Pächter westeuropäischer Tankstellen nur mit Preisanhebungen für ihr Benzin zwischen fünzig und achtzig Prozent. Und selbst diese Margen können die Konzerne kaum noch halten. Nicht Knappheit, sondern eine ungeheure Ölflut zerschlägt ihre zuvor gewinnträchtigen Geschäfte. Statt den Ölhahn zu drosseln und ihre flüssigen Schätze zu konservieren, drängen nämlich die Opec-Produzenten ihren Abnehmern mit Discountpreisen, Mengenrabatten und langfristigen Zahlungszielen immer mehr Öl auf.

In den Lagern der Konzerne sammelten sich weltweit in den vergangenen Monaten Rekordmengen von weit mehr als zehn Millionen Tonnen raffinierter Ölprodukte, weit mehr, als zur gesetzlichen Bevorratung notwendig wäre. Die Tanklager schwappten über. BP wies bereits seine Tankerflotte an, die Fahrt vom Persischen Golf nach Europa von fünf auf acht bis zehn Wochen auszudehnen. Während darüber hinaus die Ölkonzerne angesichts gewaltiger Überschußmengen selbst von eisigen Wintertemperaturen keine allzu großen Preissprünge für ihr Heizöl erwarten können, leiden nun ihre Rohstofflieferanten in Nah- und Mittelost unter Entzugserscheinungen.

Allzu lange verwöhnt durch den schier unstillbaren Öldurst des Westens und ermutigt durch das Preisdiktat in der Ölkrise, dem keine Repressalien folgten, hatten sich, die Förderländer an eine phantastische Anhäufung neuen Reichtums gewöhnt. Bis Mitte der achtziger Jahre, so prognostizierte die sonst eher zurückhaltende Weltbank vor drei Jahren, werden die Opec-Länder Devisenüberschüsse im Wert von mehr als 400 Milliarden Dollar besitzen; das ist mehr als alles Gold und alle Reserven, die derzeit in den Tresoren der Zentralbanken und des Internationalen Währungsfonds liegen – rund 235 Milliarden Dollar. "Arabische Scheiche", so formulierte das Time Magazine 1973 emphatisch in einer Titelgeschichte, "sind dabei, eine Machtposition zu erobern, die sie seit der Zeit der Kreuzzüge nicht mehr erlebt haben."

Doch statt gold- und devisenreicher Imperatoren zogen zum allseitigen Erstaunen neue Schuldner in den Internationalen Währungsfonds ein. Neun der dreizehn Opec-Mitgliedsstaaten teilten jüngst dem Direktorium des Währungsfonds mit, daß ihr gemeinsamer Schuldensaldo 1976/77 um 25 Prozent auf nunmehr 42 Milliarden Dollar gestiegen sei.