Von Werner Solch

Diesem Zug, der Europa durch Europa trug, galt die Sehnsucht, das Entzücken, der Neid derer, die ihm nur nachwinken konnten“, schrieb ein halbes Jahrhundert nach seiner großen Epoche eine Zeitung über den Orient-Expreß. Ende 1885 hätte Fürst Alexander I. von Bulgarien auf einer Reise nach Darmstadt, wo er seine heimliche Verlobte Viktoria von Preußen traf, seine Salonwagen zwischen Österreich und Karlsruhe an den Orient-Expreß hängen lassen. Ferdinand von Bulgarien hatte den Luxuszug auf Reisen nach Berlin, Paris und an die Riviera benützt. Im Juli 1908 fuhr der badische Großherzog Friedrich II. im Orient-Expreß nach München. Wie Paul Dost in „Der rote Teppich“ schreibt, benützte er wahrscheinlich seinen sechsachsigen Wagen Nr. 10 000, welcher 1894 bei Rathgeber gebaut wurde und in der Mitte einen Salon mit eigenem Einstieg enthielt. Ab Augsburg lief der Wagen als Nachzug, da er in München wegen des dortigen Empfangs auf einem anderen Gleis ankommen sollte. Zum Begräbnis von König Eduard VII. im Mai 1910 begab sich eine größere Anzahl südosteuropäischer Fürsten im Orient-Expreß zu den Trauerfeierlichkeiten: Kronprinz Ferdinand I. von Rumänien verließ Bukarest in einem Sonderzug aus sechs Hofwagen, von denen ab Wien drei im Orient-Expreß weiterliefen. Aus Serbien reiste Kronprinz Alexander, einer anderen Quelle zufolge König Peter I., in einem Hofwagen an, wobei aber nicht angegeben ist, ob der Orient-Expreß benutzt wurde. In Konstantinopel wurde am 8. Mai der Salonwagen des osmanischen Prinzen Jussuf an den Orient-Expreß gehängt, und einen Tag später lief ein Hofsalonwagen in Blau und Gelb sowie ein Wagen mit Küche, Speisesalon und Raum für Gefolge mit König Ferdinand und Kronprinz Boris von Sofia aus in dem Expreß westwärts. Auf der South Eastern & Chatham Railway waren, wie Paul Dost berichtet, am 18. Mai sieben Hofzüge zu führen. Am folgenden Tag verkehrten drei Sonderzüge von der Kanalküste nordwärts, darunter einer mit dem König von Bulgarien und dem Prinzen Danilo von Montenegro, welcher zusammen mit seiner Freundin in Belgrad zugestiegen sein soll.

Wenn Graf Feodor Apraxin aus Tiflis die Riviera aufsuchte, reiste er zusammen mit seinem Personal in einem Sonderzug nach Batum, von dort mit dem Schiff nach Konstantinopel und weiter in zwei Sonderwagen des Orient-Expreß. Zwischen Batum und dem Bosporus verkehrten um die Jahrhundertwende planmäßig russische und italienische Dampfer, Schiffe der Messageries maritimes und des österreichischen Lloyd. Die normalen Dampfer und Züge allerdings verschmähte der kaukasische Prinz Tschernytschew. Er benutzte mit seinem Gefolge, darunter acht Köche, einen Sonderzug von Wladikawkas nach Noworossijsk, einen Sonderdampfer über das Schwarze Meer und einen anderen Sonderzug von Konstantinopel aus auf der Orient-Expreß-Strecke westwärts.

Von Paris nach Konstantinopel reiste auch der Maharadscha von Rana mit sieben seiner Frauen. Er hatte einen Schlafwagen und einen Salonspeisewagen von der Compagnie gemietet, welche im Gare de l’Est auf einem eigenen Gleis bereitgestellt werden mußten. Wenn der Maharadscha und seine Frauen, alle in kostbaren Seidengewändern, eingestiegen waren, rangierte sie eine kleine Lokomotive in das Abfahrtgleis des Orient-Expreß, auf dem kurze Zeit danach der planmäßige Luxuszug angekoppelt wurde. Natürlich erzählten sich die normalen Sterblichen unter den Fahrgästen die sonderbarsten Geschichten von den Reisenden in den beiden Wagen mit den heruntergelassenen Rollos am Schluß des Zuges, zu denen kein Fremder Zutritt hatte. Von Diwans mit Damast und Goldbrokat wurde gemunkelt, welche der Maharadscha statt der Lederstühle in den Speisewagen habe stellen lassen und von einer Begebenheit an einem Wintertag in der Nähe von Philippopel: Das Thermometer sank immer tiefer, eisiger Wind verwandelte das östliche Bulgarien in ein kleines Sibirien, und ausgerechnet dazu fiel noch die Heizung aus. Natürlich waren die Inderinnen in ihren seidenen Saris nicht auf die Kälte eingerichtet, und so mußte der Maharadscha, Herr über unermeßliche Reichtümer, durch den Schaffner wie ein Bettler im Zug von gewöhnlichen Passagieren Kleider besorgen lassen. Der Lohn dafür aber sei fürstlich gewesen.

Andere Fahrgäste des Orient-Expreß fuhren nicht zum Vergnügen, sondern dienstlich. Es gab hochpolitische Reisen wie diejenigen des Gesandten Österreich-Ungarns in Rumänien, Graf Czernin, der sich in Verfolgung eines Ausgleichs mit diesem Land öfter von Bukarest nach Wien begab. Auch von den Queen’s Messengers als Benutzer der Luxuszüge wird berichtet. Als die Großmächte nach dem Zweiten Balkankrieg den preußischen Prinzen Wilhelm zu Wied zum König des neugeschaffenen Albanien machen wollten – das ein Vordringen der Serben an die Adria verhindern sollte –, fuhr er erst einmal mit dem Orient-Expreß zu seiner Tante, der Dichter-Königin Carmen Sylva, nach Rumänien, um sich dort Rat zu holen. Paul Morand, welcher sich im diplomatischen Dienst vor dem Ersten Weltkrieg des Orient-Expreß-Zuges bediente, schilderte in „Le Voyage“ die ganze bunte Vielfalt seiner Mitreisenden: französische Lehrer in abgetragenem Gehrock auf dem Rückweg in die Moldau-Provinzen, wo sie unterrichteten (sie konnten einem Roman von Dostojewski entsprungen sein), Amerikaner einer Art, die weder tranken noch mit ihrem Reichtum prahlten, österreichische Grandseigneurs auf der Fahrt nach Epsom und englische Lords auf dem Weg zur Auerhahnjagd, reiche jüdische Herren aus Wien, diplomatische Kuriere, welche immer zu zweit reisten, aber nie gemeinsam das Abteil verließen, Impresarios, berühmte Tenöre, Leipziger Zobelhändler, Hindus und Schiiten, ungarische Magnaten, rumänische Bojaren, steinreiche Armenier oder Perser, von denen man sagte, daß sie ihre Diamanten im Koffer aufbewahrten, und nicht zuletzt jene Rasse, welche mit Abdul Hamid verschwand – „alte osmanische oder ottomanische Herren (die zu Tode beleidigt waren, wenn man sie ‚Türken‘ nannte), Paschas mit Fes, gekleidet in den langen Gehrock, die Stambouline; sie schlossen ihre verschleierten Frauen in das Abteil ein, zu dem der Schaffner keinen Zutritt hatte; Schwärme geheimer Agenten umgaben sie; sie hatten ihre cafedji bachis mit sich, welche ihnen den Kaffee kochten, so sehr fürchteten sie selbst auf Reisen irgendeinen schlechten Kaffee‘, welchen ihnen die neue türkische Regierung geschickt haben könnte“.

Aus: Werner Solch, „Orientexpreß“, Alba Verlag, Düsseldorf, 1974

„Glanz und Elend der Eisenbahn“ hat Paul Flora die Serie seiner Zeichnungen überschrieben, mit deren Abdruck wir jetzt beginnen. Zehn dieser Blätter sind als Mappe in 1000 numerierten und signierten Exemplaren 50 x 35 cm) erschienen und bei der Galerie Bloch in Innsbruck (Maria-Theresien-Str. 10) für 120 Mark erhältlich. – Dazu stellen wir Texte aus der Literatur zum Thema „Eisenbahn“.