Der Prozeß gegen den Gastronomen Katz

Von Jost Nolte

Als ein Herr vom Finanzamt höflich den für ihn vorgesehenen bequemen Stuhl einer Dame von der Presse abtritt, rügt einer der Staatsanwälte "Weichheit". Es hört sich an wie "Weichheit vor dem Feind", und offen bleibt, ob der Ankläger dem Journalismus oder der Weiblichkeit oder beiden gegenüber Härte für eher angebracht hält. Als trotz Photographierverbots eine Kamera klickt, winkt der andere Staatsanwalt einem Wachtmeister einzugreifen. Der Wachtmeister unterrichtet seinen Vorgesetzten, daß lediglich das Schild "Photographieren verboten" photographiert worden sei.

Ein seltsamer Humor waltet über den ersten Stunden der Hauptverhandlung gegen den 43jährigen Multi-Gastronom Manfred Katz, dessen Aufstieg aus dem sogenannten Nichts und dessen durch Steuerfahnder ausgelösten Sturz Gazetten aller Art längst unter die Leute gebracht haben (DIE ZEIT Nr. 45 vom 28. 10. 77). Die schier unvermeidliche Floskel von der "schillernden Karriere" will eingelöst werden. Was soll ihr anderes zugrunde liegen als ein "schillernder Charakter", und wie sollte man sich diesem besser gewachsen zeigen als durch Spaß an der Freud?

Doch Manfred Katz wird aus vierzehnmonatiger Untersuchungshaft vorgeführt, und unter seinen Akten verwahrt er Zeitungsausschnitte, die lehren, daß in der Bundesrepublik Gewalttäter, auch überführte Judenmörder, nach weit kürzerer Zeit auf freien Fuß gesetzt worden sind. Der Angeklagte Katz sieht darin eine schreiende Ungerechtigkeit, und darauf spielt er an, als er, um Auskünfte über seinen Werdegang gebeten, den Vorsitzenden fragt: "Der Anfang war traurig, und das Ende ist traurig – was schlagen Sie vor, daß ich zuerst sagen soll?"

Am Anfang, Katz war knapp vier Jahre alt, war die "Reichskristallnacht" und drohte das Konzentrationslager. Am Ende vermißten das Hamburger Finanzamt und dann auch die Staatsanwaltschaft etwa 4,8 Millionen Mark Steuern, und ein Imperium von 54 Restaurants, Steakhäusern, Pizzerias und Diskotheken brach zusammen – oder wäre zusammengebrochen, wenn Katz seine Betriebe nicht in aller Eile zwei ihm verbundenen Juristen anvertraut hätte, die die Türen offen hielten. Wie andere Gläubiger hätte sich bei dieser Gelegenheit und wohl auch später noch die Finanzbehörde absichern können, aber die Chance verflog während des Büroschlafs.

Dafür haben die Behörde und das von ihr angerufene Landgericht jetzt das Wort des Angeklagten Katz, er werde jeden Pfennig nachzahlen, wenn sich die Fehlbeträge bestätigen. Katz nämlich bekennt sich zu seiner steuerrechtlichen Verantwortung, protestiert aber gegen die strafrechtliche Verfolgung. Er sagt, wenn dem Staatssäckel tatsächlich zu wenig zugeflossen sei, habe es schon bei ihm, Katz, in der Kasse gefehlt: Dann haben – in einem Gewerbe, in dem jeder zweite Angestellte ans Geld kann – andere zugegriffen, und deren Unterschlagung, nicht die angebliche Steuerverkürzung ihres Chefs, soll verfolgt werden.