Von Klaus-Peter Schmid

Paris

In den prunkvollen Wandelhallen und Treppenhäusern der Pariser Oper feierte ein festliches Publikum: lange Roben, Frack, Smoking – und vor allem viel junges Volk in prächtiger Uniform. Die Ecole Polytechnique, Frankreichs wohl elitärste Hochschule, feierte ihren traditionellen Ball. Und da an Polytechnique. Traditionen wie etwa der paramilitärische Charakter der Schule heilig sind, galt selbstverständlich Uniformpflicht.

An jenem Freitagabend, es war der 25. November, erblickte der Direktor der renommierten Anstalt (selbstverständlich ein General) den Studenten Franck Boileau, der sich die Ungezogenheit erlaubt hatte, ein paar Knöpfe seines Uniformrocks aufzumachen, "Zuknöpfen" hieß das Kommando des Direktor-Generals. Doch der aufmüpfige junge Mann wagte dreimal zu widersprechen. Natürlich war sein Schicksal besiegelt: wegen Ungehorsams bekam er dreißig Tage verschärften Arrest aufgebrummt.

Nun bedeutet an der Ecole Polytechnique Arrest nicht mehr Verbannung in einen feuchten Kerker bei Wasser und Brot, sondern Zwangsaufenthalt in einem Studierraum. Und das traurige Schicksal des Studenten Boileau wäre allenfalls ein Schmunzeln wert, wenn sich nicht seine Studienkollegen mit ihm solidarisiert und einen Vorlesungsstreik ausgerufen hätten. 630 Polytechniker im Ausstand – das mußte an den Nerv einer der traditionsreichsten und zudem respektiertesten Ausbildungsanstalten der Nation gehen.

Napoleon persönlich gründete 1774 die Ecole Polytechnique. Neben der Uniform mit dem charakteristischen Zweispitz gab er seinem Lieblingsgeschöpf den pathetischen Leitspruch "Vaterland, Wissenschaft und Ruhm" auf den Weg durch die Jahrhunderte mit. Wahrzeichen wurden zwei gekreuzte Kanonen, weshalb Schule wie Schüler auch kurz als "X" bezeichnet werden. Angeblich nannte der Kaiser Polytechnique seine "Henne, die goldene Eier legt". Sie hatte vor allem eine Aufgabe: dem Land gute Offiziere zu liefern.

Damit ist es heute vorbei. Für die Militärkarriere interessieren sich nur noch die wenigsten Absolventen. Doch nach wie vor ist beim Unterricht Uniform zu tragen, Studenten und neuerdings auch Studentinnen treten zum Appell an und müssen sich damit abfinden, daß sie die Mauern ihrer Schule nicht nach Belieben verlassen dürfen. Alle Entscheidungen über Studienplan, Gemeinschaftsleben oder interne Disziplin werden vom Verteidigungsminister getroffen.