Von Gero von Boehm

Fast ein Jahr lang mußte der schwer herzkranke Albert B., 55, warten, bis sich die Ärzte seiner annahmen und eine wirksame Behandlung einleiteten. Der Patient litt unter einer Verengung der Herzkranzgefäße, hervorgerufen durch Ablagerung fettähnlicher Stoffe – die Arterien konnten das Herz nur noch mangelhaft mit Blut versorgen. Die Folge: quälende Schmerzen in der Brust, die sogenannte Angina pectoris.

Der Versuch, Albert B. mit Medikamenten zu behandeln, war fehlgeschlagen. Aber dem Beschluß des Arztes, es nun mit einem chirurgischen Eingriff zu versuchen, war die Tat erst sehr viel später gefolgt. Kein böser Wille des Doktors, sondern Symptom eines unhaltbaren Zustands: An den zwanzig bundesdeutschen Zentren, die in solchen Fällen helfen könnten, gibt es lange Wartelisten. Nur in absoluten Notfällen wird sofort operiert, für die anderen Patienten heißt es: Hinten anstellen – und weiterleiden.

Albert B. hat diese Zeit jetzt hinter sich. Das Blut, das sein Herz versorgt, fließt nach der Operation nicht mehr durch den gefährlichen Engpaß. Die Ärzte hatten mit Hilfe eines Venenstückes aus dem Bein des Patienten kunstvoll eine Umleitung gebaut. Damit war auch die Schmerzursache, das verminderte Sauerstoffangebot im Herzen, behoben. Für die Herzchirurgen sind solche "Bypass-Operationen" schon Routine geworden, aber der Eingriff läßt sich nicht mit der linken Hand erledigen, er ist zeit- und personalaufwendig, wie jede Arbeit am offenen Herzen.

Deshalb reichen die vorhandenen Kapazitäten bei weitem nicht aus. Den Zentren fehlen Operateure, Narkoseärzte und Pflegepersonal; im argen liegt auch oft die wichtige intensiv-medizinische Versorgung. Professor Hans Georg Borst von der Medizinischen Hochschule Hannover: "Wir hätten in diesem Jahr hierzulande allein 20 000 Bypass-Patienten operieren müssen und haben nur knapp 10 Prozent davon geschafft."

Ob die Bedarfsanalyse indes realistisch ist, bleibt dahingestellt. Denn es hat sich gezeigt, daß in vielen Fällen mit Medikamenten, beispielsweise den Beta-Rezeptoren-Blockern (Stoffen, die auf bestimmte Eigenschaften der Zellmembran im Herzen einwirken), ebenso gute Ergebnisse zu erhalten sind. Eine Studie, die unter der Leitung von Professor M. L. Murphy vom Veterans-Administration-Hospital in Little Rock (US-Staat Arizona) an einigen Armeekrankenhäusern ausgeführt wurde, hat in den letzten Wochen unter den Herzchirurgen weltweit Aufruhr gemacht. Dreihundert Patienten mit operativ-gesetzter Umleitung am Herzen waren mit dreihundert internistisch Behandelten verglichen worden. Die Lebenserwartung der Operierten hatte sich durch den Eingriff nicht etwa erhöht. Die Sterberate war – nach zwei Jahren – in beiden Gruppen gleich. Zudem konnte noch einmal demonstriert werden, was ohnehin bekannt ist: Nicht selten verstopfen sich die Bypass-Wege nach einiger Zeit wieder. Nur bei 54 Prozent aller nach zwei Jahren untersuchten Patienten waren die Umleitungswege noch offen.

Die brisante Murphy-Studie wurde Anfang des Monats auf dem wissenschaftlichen Jahreskongreß der amerikanischen Herzgesellschaft in Miami Beach allerdings heftig kritisiert. Man habe die Auswahl der Patienten keinesfalls dem Zufall überlassen; ebenso seien viele kleinere Operationszentren ohne große Erfahrung beteiligt gewesen – das sei ein Hauptgrund für das schlechte Abschneiden chirurgischer Methoden. Für die letzte Behauptung spricht in der Tat die hohe Operationssterblichkeit, die in der Studie dokumentiert wird (5,6 Prozent der Patienten hatten den Eingriff nicht überlebt – normalerweise beträgt die Rate heute zwei Prozent).