Von Fritz J. Raddatz

Alexander Kluges Ästhetik ist Nervosität. Sein Stil ist witternde Aufgereiztheit. Seine Produktion des Schönen ist Resultat eines bösen Blicks, der das Häßliche bannt. Er gleicht dem Manne, der gern flaniert, aber immer nur Schaufenster mit Beinprothesen oder Spielsoldaten sieht; in deren Beschreibung schreibt er Not und Untergang mit auf – so behutsam, so leise, daß der flüchtige Leser seine Notate mit Lakonismen verwechseln mag. Notate nämlich sind sein neues Buch –

Alexander Kluge: "Neue Geschichten – Hefte 1–18 – ‚Unheimlichkeit der Zeit‘" es 819, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 618 S., 16,– DM.

Mit ihm schafft Kluge das in Deutschland so ganz Seltene: Intellektualität mit Grazie, Sanftheit mit Erbarmungslosigkeit zu verbinden. Erreicht hat er kein Fresko, aber ein gigantisches Röntgenbild unserer Gesellschaft, deren "Fehlhaltungen" er als Fehlverhalten diagnostiziert. Der Befund ist von einer Schärfe, die man nicht so leicht vergißt.

Kluges nahezu perfekter Sinn für Balance, Proportion und Korrespondenzen hat ihn ein Textkonglomerat arrangieren lassen, dessen einzelne Teile scheinbar a-synchron und beziehungslos zueinanderstehen. Wie Tagebuchaufzeichnungen sind Eindrücke aus dem Zweiten Weltkrieg, der Adenauer-Ära, der Nazizeit und der Studentenrevolte nebeneinander festgehalten – und siehe, es ergibt einen großen historischen Sinn. Dieser Reporter-Dialog etwa mit einem Bomber-Piloten muß nicht datiert sein, um uns das Grausen zu lehren: Anderson: "Die Ware mußte runter auf die Stadt. Es sind ja teure Sachen. Man kann das praktisch auch nicht auf die Berge oder das Freie Feld hinschmeißen, nachdem es mit viel Arbeitskraft zu Hause hergestellt ist. Was sollte denn Ihrer Ansicht nach in dem Erfolgsbericht, der nach oben geht, stehen? Reporter: Sie konnten wenigstens einen Teil auf freies Feld werfen. Oder in einen Fluß. Anderson: Diese wertvollen Bomben?"

Die Stadt unter dieser Ware – egal, ob sie Warschau, Dresden oder Hiroshima heißt: es ist unsere Stadt, und die in ihr nicht verbrannten, haben ganz andere Narben; bis heute. Die vorgebliche Beziehungslosigkeit der Texte zueinander stellt schließlich, erstaunliches Mittel der Kunst, eine einzige tragende Kausalität her. Dieses Buch könnte mit aller Berechtigung "Roots" heißen – was heute ist, wurde so, weil es damals so war. Ist so etwas vergessen? "Die erbmäßigen Instinktunterschiede seiner Jungen, z. B. gegenüber Wachhunden. Hunde werden, den Kampf einstellen, wenn ein Gegner mit Totstellreflex vor ihnen liegt. Der SS-Mann wird dagegen pflichtgemäß handeln. Pflicht aber nur als par sives Trägheitsmotiv. Weil bisher so gehandelt wurde, wird weiter so gehandelt."

Es ist nur verdrängt. Es nistet, ob in Kummer, verkümmerter Moral, Haß oder Aufstand. Wenn Kluge Protokolle aus der Zeit der Studentenrevolte abdruckt, Dispute und Anrempeleien – in denen Adorno und Habermas und Negt und Krahl auftreten – dann ist das stilistisch wie politisch konsequent. Die Überlegung des SS-Obersturmbannführers Madloch über den Nutzen der Arbeitskraft in gewissen "Außenlagern", "menschliche Arbeit ist in Form bloßer Muskelarbeit unwirtschaftlich wegen der hohen Brennstoff kosten", ist nicht Vergangenheit; sie hat – zweihundert Seiten weiter "aufgefangen" – ihre unmittelbare Korrespondenz in dem Fazit eines DDR-Kellner-Kollektivs: "Sie sprechen über qualitative Arbeitszeitmessung an ausgewählten Beispielen in der DDR und in Portugal." (Wozu man wissen muß, daß in volkseigenen Großbetrieben der DDR amerikanische "Arbeitsmessungsspezialisten" eingeladen und ihre Methoden übernommen wurden.) Und ist ebenso Gegenwart in jener Kommune, in der eine Katharina mit der Absolvierung ihres Lebens so beschäftigt war, daß keine Energie übrigblieb, die die Last auch nur eines anderen lebendigen Wesens in ihrer unmittelbaren Verantwortung hätte tragen können. So störten auch die fünf Kätzchen der Wohngemeinschaftskatze: "Sie betäubte die Kleinen, dazu weinten R. und sie heftig, indem sie die Ätherwattebäusche vor die Nasen hielt. Die Tiere streckten ihre Glieder, lagen matt und ,schlafend‘. In der Hand dieser Großen Götter, die über sie entschieden. Die betäubten Leiber wurden in drei Plastikbeutel gesteckt, ein Stück getränkter Wattebausch dazu, ein Schuß Schwefeläther hinzugegeben, der auf der zerknüllten Plastikunterseite Seen bildete, zugeschnürt, in das Tiefkühlfach des Eisschranks."