Von Klaus-Peter Schmid

Der Rahmen war dem Ereignis angemessen. Im romantischen Château Lafite mit seinen Toren, Türmen und Terrassen entkorkte Hausherr Elie de Rothschild am 1. Oktober eine seiner besten Flaschen: einen Château-Lafite des Jahrgangs 1873. Der Baron und seine Freunde wurden nicht enttäuscht. Überschwenglich schwärmte Professor Peynaud, einer der renommiertesten Weinspezialisten Frankreichs: "Das ist die Quintessenz des Weines."

Sechs Wochen später, als Winzer, Händler und Journalisten im Schloß der Rothschilds tafelten, hörten sich die Tischgespräche bei Aal, gefülltem Huhn und getrüffelter Leberpastete weit weniger euphorisch an. Sie kreisten um Begriffe wie Mißernte, Frostschäden oder Dauerregen. Denn rund um Bordeaux, in den berühmtesten französischen Weinbergen, heißt nach der jüngsten Weinlese die Devise: "Mit dem Mangel leben!"

In der Tat ist die Weinernte an den Ufern der Gironde in diesem Jahr Millionen ausgefallen. Der Ertrag liegt mit zwei Millionen Hektolitern um sechzig Prozent unter dem eines Durchschnittsjahres. Vor allem später Frost im vergangenen Frühjahr trägt die Schuld an der geringen Menge. "Eine der größten Enttäuschungen seit Kriegsende" heißt es in Bordeaux.

Schließlich war dann auch noch der Sommer verregnet, und noch im August befürchteten die über 30 000 Winzer und Händler eine mittlere Katastrophe. Önologie-Professor Peynaud: "Die Weinlese mußte lange hinausgezögert werden. Nur 1932 lag sie noch später – und dieses Jahr haben die Weinbauern in denkbar schlechter Erinnerung."

Doch der Herbst machte doch noch gut, was der Sommer verwässert hatte. Zwischen dem 28. August und dem 10. Oktober fiel kein Tropfen Regen. "Die Qualität hat uns sehr angenehm überrascht", heißt es heute in dem riesigen Anbaugebiet, wo allein die Lage Saint-Emilion so groß ist wie die Weinberge von ganz Burgund. Das Problem ist nur, daß sich in Bordeaux zur Kombination "geringe Menge – gute Qualität" stets ein dritter Begriff gesellt: die Spekulation.

"In Bordeaux hat jedermann mit der Muttermilch den Geschmack an der Spekulation eingesogen", versichert augenzwinkernd ein Regierungskommissar in Sachen Bordeaux-Wein. Und wenn heute das Wort Spekulation fällt, dann denkt jeder Eingeweihte mit Schrecken an die Jahre 1970 bis 1974, in denen absurde Spitzenpreise letztlich mit Pleiten, Skandalen und einem völlig ramponierten Ruf bezahlt werden mußten.