Von Richard Schmid

Auch einem, dem es schwerfällt, ohne Einschränkung zu loben – hier kann er nicht anders:

Nold Halder: "Leben und Sterben des berüchtigten Gauners Bernhart Matter. Eine Episode aus "der Rechts- und Sittengeschichte des 19. Jahrhunderts"; Reprint 1977 der im Jahre 1947 erschienenen ersten Auflage. Verlag Sauerländer, Aarau und Frankfurt; 352 S., 12,80 DM.

Über den 1967 verstorbenen Verfasser erfährt man durch eine Vorbemerkung, daß er in Lenzburg (Kanton Aargau) geboren ist, Lehrer und später Vorstand einer schweizerischen Strafanstalt wurde. Er hat die Geschichte des Kriminal- und Strafwesens der Schweiz wissenschaftlich erforscht. In den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens war er aargauischer Staatsarchivar.

Bernhart Matter, der Held des Buches, ist 1821 als Sohn eines Metzgers und Wirts im aargauischen Dorf Muhen geboren, eines unter neun Kindern, in der ländlichen Armut jener Jahre aufgewachsen. (Die dörfliche und kleinstädtische schweizerische Umwelt wird über das ganze Buch hin genau und anschaulich mit ihren lokalen und sprachlichen Besonderheiten wiedergegeben, wodurch – was nur scheinbar paradox ist – das Typische und das Menschliche am Sachverhalt erst recht deutlich, farbig und, plastisch wird.) Im arbeitsteiligen Haushalt hatte der junge Bernhart schon als Kind die Aufgabe, die einzige Kuh, von der die Familie lebte "den Wegborden und Hecken entlang zur Weide zu führen"; eigenes Grasland hatte der Vater nicht. Das war eine heikle Verrichtung und hat dem Kind schon früh die Gabe beigebracht, sich bei Verletzung fremden Eigentums nicht erwischen zu lassen, worin er es später zu unerhörter, im wörtlichen Sinn sagenhafter Vollkommenheit brachte.

In den Sommern schwänzte der intelligente Junge die Schule. Bald kam es zu kleinen Diebstählen. Mit fünfzehn bezog er die erste Freiheitsstrafe. Danach lernte er das Maurerhandwerk. Mit dem Stehlen machte er, allein oder mit anderen, weiter. Gestohlen wurden – meist durch Einstieg oder Einbruch – kleine Mengen Getreide bei wohlhabenden Bauern, in den damaligen Hungerzeiten sehr kostbar. Später waren es dann Schinken, Würste, Tuche, Silberbestecke bei wohlhabenden Kaufleuten und Pfarrherren. Alles spielte sich in einem kleinen Umkreis um die Städte Lenzburg, Zofingen und Aarau ab.

Matter muß bei aller Beweglichkeit und Gewandtheit eine starke Heimatbindung gehabt haben. Erst später verzog er sich zeitweise nach gewagten Ausbrüchen und Fluchten, ins Basler Land und ins Elsaß, wo er sich am Schmuggel von Seidenwaren und Zigarren beteiligte. Aber er kehrte immer wieder, mit viel klimperndem Geld in der Tasche, in die Heimat zurück, in das spezielle Milieu seiner Heimat, zu armen Freunden, Hehlern, der ländlichen Unterschicht und war dort dann recht splendid. Dieses Milieu wird im Buch trotz aller Trockenheit und schweizerischen Biederkeit des Berichts anschaulich und lebendig.