Lissabon, im Dezember

Auch an diesem achten Dezember geht über Lissabon ein kalter Nieselregen nieder. In dem verwinkelten Altstadt-Viertel hoch über dem Tejo-Ufer rumpeln die ersten Straßenbahnen, die Taxifahrer drehen gähnend ihre letzten Runden. "Der Hahn hat gekräht", sagt einer der Männer, die zu dieser unfreundlichen Morgenstunde das graue, klassizistische Parlamentsgebäude verlassen, das sich zwischen den schmalen Fassaden der Häuser wie ein Koloß erhebt. Kaum zwei Stunden später melden Sonderausgaben der Zeitungen, was sich unter der Glaskuppel von São Bento zugetragen hat: Mario Soares ist gestürzt. –

Totenstille lag über dem Parlamentssaal, als der Parlamentspräsident zur Abstimmung aufrief: Alle Augen richteten sich auf die Kommunisten, deren Führer Alvaro Cunhal bis zuletzt über die Haltung seiner Fraktion geschwiegen hatte und deren Abgeordnete noch begeistert aufgesprungen waren, als Soares in seiner Rede die liberalkonservativen Parteien ungewöhnlich hart attackierte. War dies nicht der Beweis dafür, daß hinter den Kulissen Abmachungen getroffen worden waren, daß Sozialisten und Kommunisten an diesem dramatischen Morgen doch noch gemeinsam stimmen würden? "Achten sie darauf, daß sie nicht zu einem neuen Allende werden", hatte der Generalsekretär des Christlich-Sozialen Zentrums dem Premierminister entgegengeschleudert, der vom schmalen Rednerpult aus die Reaktionen bleich und ein wenig erschrocken registrierte.

Minuten später ist die Überraschung perfekt: Nach der Geschäftsordnung des portugiesischen Parlaments haben sich die Abgeordneten bei der Vertrauensfrage reihenweise von ihren Plätzen zu erheben, sofern sie dagegen stimmen wollen – die Kommunisten aber blieben sitzen und blickten fast gelangweilt in die Runde. Als die weit hinten sitzenden Sozialisten den Überraschungscoup endlich bemerken, reißen sie die Fäuste hoch und rufen ihrem Parteifreund Soares den Schlachtruf vergangener Wahlkämpfe zu – "Mario amigo, el partido socialista esta contigo". Erschöpft wehrt der Geschlagene den Beifall ab, der in diesem Moment einem Verzweiflungsschrei gleicht.

"Es reicht nicht mehr, nur Streit zu schlichten" – diese Mahnung von Staatspräsident Eanes steht über den Konsultationen, die wenige Stunden später im rosafarbenen Präsidenten-Palast von Belem beginnen. Die ökonomische Misere hängt mit der Schwäche der Parteien zusammen, und es scheint, als würden auch die Portugiesen dies allmählich begreifen. Ihre Neigung, das Unangenehme zu verdrängen und Improvisationen an die Stelle wirksamer Konzepte zu setzen, wird von zunehmender Verärgerung über die täglichen Versorgungsmängel verdrängt. Im Hafenviertel von Lissabon stehen die Bewohner der Altstadt nach Milch an, die Portugal drastisch kontingentiert hat und aus Frankreich importiert. In den Kaffeehäusern um den Rossio-Platz werden die Zuckertütchen nur noch einzeln ausgegeben. Portugals Nationalgericht, der Stockfisch (bacalhau), ist zur gefragten Schmuggelware geworden.

Die miseria, jenes Lamento über die Sorgen und Nöte der Nation, schlägt in wachsende Verbitterung um: "Soares hinterläßt ein Land in Unordnung, erschöpft, desillusioniert, offen für alle Stürme der Demagogie", schrieb der Konservative O Dia am Abend dieses achten Dezember, und das Kommunisten-Sprachrohr O Diario fügt erbarmungslos hinzu, daß der gestürzte Premier Portugal an den "Rand der Katastrophe" brachte. Die liberale Tageszeitung Diario de Noticias veröffentlicht ein Photo aus Spanien auf der Titelseite: Der junge Sozialistenführer Felipe Gonzalez geht vor dem Amtssitz des Ministerpräsidenten auf KP-Chef Santiago Carrillo zu und schüttelt diesem freundschaftlich die Hände – Sozialisten und Kommunisten hatten die Zusammenarbeit bei den bevorstehenden Kommunalwahlen beschlossen. Hofft man in Portugal auf ein Wunder?

"Wir warten auf einen neuen Sebastian", sagt in der Redaktion des linksunabhängigen A Capital ein Journalist dem ausländischen Besucher und spielt auf jenen portugiesischen König des 16. Jahrhunderts an, der nach verlorener Feldschlacht in Afrika weder tot noch lebendig aufgefunden wurde – und von dem die Portugiesen sagen, daß er als Führer aus dem Elend doch noch wiederkommen wird. Volker Mauersberger