Weil es heute sehr schwer sei, bestimmte kulturpolitische Themen in Italien zu diskutieren, schrieb Günter Grass drei Tage vor seinem geplanten Vortrag über "zwei’ deutsche Staaten, eine Literatur", könne er nicht an der Biennale des kulturellen Dissens in Venedig teilnehmen. Und Thomas Brasch, der einen Beitrag über die Zensur angekündigt hatte, blieb einfach fort.

Vladmimir Maksimov weigerte sich, am Tisch Platz zu nehmen, weil er etwas gegen "berufsmäßige Dissidenten" habe. Es war ein offenes Geheimnis, daß der Rechtsaußen der russischen Emigranten damit den Ukrainer Leonid Pljuschtsch meinte, der sich nach wie vor zum Marxismus bekennt. Aber auch Vittorio Strada, einer der brillantesten Köpfe der KPI, versagte sich die Teilnahme und sprach in der linken "Republica" von einem "Wohltätigkeitsfest". Jurij Ljubimov, der bedeutendste sowjetische Theaterregisseur, hat angekündigt, daß er die "Literaturnaja Gaseta" verklagen wolle, weil sie ihm, ein Interview manipulierend, eine Verurteilung der Biennale unterstellt hatte.

Wer soll all das verstehen? Was ist es, das so viel Beunruhigung verursacht?

In Moskau kennt man die Schuldigen: es sind die"internationalen zionistischen Organisationen". Diese Sprache ist als nationalsozialistisch auch dann identifizierbar, wenn sie aus den Fernschreibern der TASS kommt. Mit ihr will gewiß keiner der hier Genannten im entferntesten zu tun haben. Sie alle verhalten sich aber in einer Weise, als gäbe es nur ein Entweder/Oder.

Der ideologische Oberbau für militärische, ökonomische und politische Machtverteilung zwischen den USA und der UdSSR ist der Manichäismus. Es gibt nur gut und böse. Wer gegen uns ist, ist für die anderen. Und umgekehrt. Wer für den Sozialismus plädiert, spricht für den Kreml. Darin sind sich CSU und DKP einig. Und eine Biennale des Dissens – das kann nur antikommunistisch sein. Prompt setzte die Sowjetunion ihre Hebel in Bewegung, von der diplomatischen Intervention über eine hanebüchene Lügenkampagne bis zum Druck auf einzelne Künstler und Wissenschaftler.

Das ist schlimm, es ist empörend. Die Erregung fällt uns freilich leicht. Um es nicht allzu wohlfeil zu geben, sei daran erinnert: so ganz unverständlich sollte uns die Sorge der UdSSR um ihren guten Ruf nicht sein. Auch bei uns klagt man seit Monaten larmoyant darüber, wie man draußen von uns redet, so, als hätte das Ausland den Radikalenerlaß erfunden oder die Kappler-Entführung verharmlost.

Der Mißerfolg hat den Skeptikern recht gegeben und dem Präsidenten der Biennale Ripa di Meana blieb nur die Geste, mit einer Dokumentation der Ausreiseverbote und erzwungenen Absagen nach Belgrad zu fliegen. Bloß: Verhält man sich nicht so zynisch wie jene, für die die KSZE-Akten nur Papier sind, wenn man sich mit diesem Zustand abfindet? Die ČSSR hat kürzlich ein Gesetz geschaffen, das Verwandten von Bürgern, die nach 1968 ihre Staatsbürgerschaft verloren haben, den Kontakt zu ihren Nächsten im Ausland untersagt. Wenn hier schon die Vereinbarungen von Helsinki aufs gröbste verletzt werden, so muß das doch wenigstens jemand in die Öffentlichkeit schreien.