Von Ulrich Schmidt

Schon vorher war mir klar, daß sich die Mühe des Hinaufsteigens in dem engen Wendeltreppenschacht lohnen würde. Sechs Baedeker-Sternchen! Zwei bei dem Wort "Münster", zwei bei "Turm" und zwei bei "Aufblick". Und außerdem fährt man nicht zu einem Stadtbesuch nach Freiburg, ohne daß einem Jacob Burckhardts vielzitiertes Preislied auf den "schönsten Turm der Christenheit" in den Ohren klingt. Der Aufblick gilt dem Turmdach. Für die einen ist es gar kein richtiges Dach, denn "es hat ja lauter Löcher, da regnet’s ja rein". Für die andern ist es das kunst- und bedeutungsvollste Kirchturmdach, das je ersonnen wurde, ein Gipfelpunkt der Gotik.

Mindestens ein Sternchen wert ist auch der Rundblick und der Hinabblick auf das Markttreiben des Münsterplatzes. Nicht viel anders als heute mag die Altstadt von oben her vor vierhundert Jahren ausgesehen haben. Ein Eindruck von Unversehrtheit und Wohnbehaglichkeit. Die Autos sind verbannt in die zum Rhein hin gelegenen smogüberlagerten Außenbezirke. Hier in der schützenden Bucht der Berghänge, im Herzen dieser Großstadt von immerhin 180 000 Einwohnern, scheint die Welt in Ordnung zu sein.

Das ist sogar hörbar als ein faszinierender, großstadtfremder Eindruck. Das Leben äußert sich nicht wie anderswo technisch, im Lärmen der Autos, sondern menschlich, im Gesumm der Geschäftigkeit auf dem Markt und in den Straßen. Und damit auch die Nase ihr Teil bekommt, steigen in der Windstille dieses milden Herbsttages von den Buden her Bratwurstdüfte senkrecht am Turm herauf und durchwehen als profaner Opferdunst das gotische Maßwerk des Tempels. In Freiburg, wo Himmel und Erde so schön beisammen sind, mochte ich wohnen.

Freiburg zählt 500 000 Gästeübernachtungen im Jahr, Verkehrsdirektor Karl Großmann rechnet sie "zu den Städten^ mit dem höchsten Freizeitwert". Viele Besucher kommen aus der Schweiz, aus Holland und Belgien, weniger als früher reisen aus Frankreich an, wo der schwache Franc den Ausflugsradius einengt. Zwei geplante Neubauten sollen diese Zahlen erhöhen und zusätzlich Geschäftsleute oder Heilungsuchende herbeilocken: ein Kongreßzentrum für 50 Millionen Mark und ein Kurmittelhaus. Zur Zeit wird eine 30 Grad warme Thermalquelle im Mooswald erschlossen.

Berechtigt wäre auch das Motto: Freiburg hat einen hohen "Spazierwert". Alles Sehenswerte liegt bequem beisammen: die schönen, autofreien, zum Teil mit malerischen Tortürmen (Martinstor, Schwabentor) abgeschlossenen Straßen, der Münsterplatz, der Rathausplatz, der Schloßberg, das Augustiner-Museum. Da ist aber auch, zur Freude der Pflastertreter, allerlei Mosaikschmuck auf den Gehsteigen, zusammengesetzt aus vielfarbigen Rheinkieseln. Und wenn sich der Spaziergänger im Gewirr der Gassen verlaufen hat, zeigt ihm der allgegenwärtige, alles überragende Wunderturm, wo die Mitte ist.

Das originellste Spaziervergnügen aber sind die "Bächle", glitzernde Gewässer in handspannbreiten Steinrinnen zwischen Fahrdamm und Gehsteig. Sie werden gespeist aus dem von den nahen Schwarzwaldhöhen herunter kommenden Dreisam-Flüßchen und durcheilen vom Schwabentor aus in einem kunstvollen Netz von Kanälchen die ganze Innenstadt. Das Bächle hinter dem Kornhaus schlägt sogar eine elegante Kurve an fünf Brunnenfiguren vorbei. Wie denn überhaupt die geleitende Nachbarschaft des eilig rinnenden Wassers jedem Stadtbummel eine aufmunternd, spielerische Note gibt: Mal sehen, wer schneller ist, das Wasser oder wir!