DIE ZEIT: "Unheimlichkeit der Zeit" ist der Titel Ihres neuen Erzählbandes. In den Geschichten geht es um den Verlust von "Heimlichkeit" oder "Heimat" – beides assoziativ im Wort "Unheimlichkeit" enthalten...

Alexander Kluge: "Unheimlichkeit der Zeit" heißt: Ich kann mich in unserer Gesellschaft nicht niederlassen, sie ist in der Tat nicht heimelig; und das verheimlicht die Gesellschaft nicht, und das ist eine öffentliche Sache. Das Buch handelt von der Unruhe, die daraus folgt.

DIE ZEIT: Ihnen geht es um die historische Dimension, um deutsche Vergangenheit und Gegenwart, konkret auch um Ihre eigene Erfahrung, die sich mit Orten wie Halberstadt und Frankfurt verbindet. Ist dieses Buch ein Stück Wiederaneignung persönlicher Lebensgeschichte?

Alexander Kluge: Ich kann nur über etwas schreiben, was es in meiner Erfahrung gibt. Insofern ist dies Buch ein persönliches Buch. Aber nur in dem Maße, in dem auf 618 Seiten persönliche Eindrücke verteilt sind. Das ist wiederum nicht allzu viel. Denn das Prinzip zwischen den beiden Produktionsverhältnissen Mutterleib und Luftangriff zu leben, betrifft nicht nur mich, sondern auch viele andere Menschen. Wenn ich die Bilder Luftangriff, Justiz, Verschrottung durch Arbeit richtig deute, dann gibt es diese beiden verschiedenen Arten, den Menschen zu behandeln, auch in Form von alltäglichem Unglück, ohne Krieg, auf siebzig, achtzig Jahre auseinandergezogen. "Und wenn es köstlich war, ist es Mühe und Arbeit gewesen ..."

DIE ZEIT: ... und hier gewinnt das Buch die Möglichkeit, daß individuelle Erfahrung umschlägt in gesellschaftliche Erfahrung, auf die der Leser antworten kann.

Der Nationalsozialismus wird von Ihnen als, ein Organisations- und Produktionszusammenhang vorgeführt, dem es in seinem Vernichtungsdrang nicht darauf ankommt, Rache, Strafe oder Sühne zu üben, sondern dem an der radikalen Ausbeutung von menschlicher Arbeitskraft liegt. Es geht, richtig verstanden, "im nationalsozialistischen Sinne", um Verschrottung durch Arbeit. Können Ihre Erzählungen über das Außenlager Langenstein/Zwieberge als Beitrag zur Faschismus-Diskussion verstanden werden?

Alexander Kluge: In einer theoretischen Abhandlung spräche man über die Zwangstauschgesellschaft. Das wäre aber literarisch "altklug". Das Buch jedoch eröffnet Perspektiven, die einem Proportionsgefühl entsprechen, und zwar einschließlich gesellschaftlicher Verzerrungen, weil man nur über sie ein Proportionsgefühl entwickeln kann. Deswegen wird die Verwertung von Arbeitskraft im Außenlager Langenstein/Zwieberge, ein KZ, in der Verfallphase des Dritten Reiches gegründet, im Herbst 1944, aus der Perspektive eines technokratischen Arbeitszeitmessers mit hohem SS-Rang "kritisiert", der allen ideologischen Ballast der dreißiger Jahre abgeworfen hat, sozusagen ein eiserner, abgeschreckter, "kalter" Nationalsozialist, und nicht aus unserem gegenwärtigen Blickwinkel, was scheinbar leichter wäre. Von dieser Perspektive aus gerät die Verschrottungsorganisation menschlicher Arbeit, die sich KZ nennt, in einen Zerrspiegel.