Heute, da wir erleben, daß die Nachfolge von Mao Tse-tung mit Waffen geregelt wird, kann man sagen: vielleicht seit der Oktoberrevolution in Rußland 1917, vielleicht sogar seit den großen europäischen revolutionären Bewegungen von 1848 ... gibt es zum erstenmal auf der Welt nicht einen einzigen Punkt, durch den das Licht einer Hoffnung scheinen könnte. Es gibt keine Orientierung mehr. Auch nicht in der Sowjetunion, das versteht sich von selbst... Nicht in Cuba. Nicht in der palästinensischen Revolution, auch nicht in China mehr... Zum erstenmal hat die Linke angesichts dessen, was sich in China ereignet hat... seine historischen Stützen ... verloren. Es gibt keine einzige revolutionäre Bewegung, erst recht kein einziges sozialistisches Land, in Anführungszeichen, auf das wir uns berufen könnten, um zu sagen: so muß es gemacht werden! Wir sind zurückgeworfen auf das Jahr 1830, das heißt: wir müssen neu beginnen... Wir müssen ganz von vorne anfangen und fragen: von wo aus kann man die Kritik an unserer Gesellschaft leisten ..., da ja alles, was diese sozialistische Tradition in der Geschichte hervorgebracht hat, zu verurteilen ist.

Michel Foucault in einem Gespräch mit Knut Boesers, "Die Folter, das ist die Vernunft", im "Literaturmagazin 8" (Rowohlt Verlag, 316 S., 12,–DM).

Konservative Kunstfreunde

Den Besucherrekorden von documenta oder Europaratsausstellung zum Trotz – der Graben zwischen Gegenwartskunst und Publikum scheint unüberwindbar; das ergibt jetzt eine Benutzer-Analyse, die der Neue Berliner Kunstverein über die Arbeit seiner Artothek vorlegte. Die Artothek funktioniert als kostenloser Kunstverleih, der, indem er Kunstbesitz auf Zeit ermöglicht, "das Kunstverständnis breiterer Bevölkerungskreise" fördern will. Die Kundenbefragung machte solche Hoffnungen jedoch zunichte, die Bilanz ist bitter: Selbst Null-Tarif und Leasing-System haben der Kunst kein größeres Publikum verschafft. Die Benutzer der Artothek, so die Untersuchung, rekrutieren sich ausschließlich aus der kleinen Gruppe der üblichen Insider, es sind zu 63 Prozent Akademiker. Nur ein Drittel der Artothek-Kunden fühlt sich durch die Leihwerke zum Besuch weiterer kultureller Aktivitäten animiert, und, die Mehrzahl moniert am Angebot, es sei "zu einseitig modern". Man hätte lieber Werke aus impressionistischer oder expressionistischer Zeit, in jedem Fall signiert mit großen Namen.

Den Kunstverein hat vor allem die konservative Einstellung seiner Kunden bestürzt, der Leihverkehr soll deshalb künftig verstärkt von didaktischer Arbeit begleitet werden – denn letztlich bestätigt die Untersuchung, daß es in erster Linie Bildungsbarrieren sind, die Kunst und Publikum trennen. Der aktuelle Trend zur Verkürzung des schulischen Kunstunterrichts dürfte das beste Mittel sein, die bestehende Kluft zu verewigen.

Borchardt und Döblin in Marbach

Rudolf Borchardt und Alfred Döblin sind die beiden Sonderausstellungen gewidmet, die das Deutsche Literaturarchiv im Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar vorbereitet. Vom 8. April bis zum 31. Oktober ist die von Reinhard Tgahrt und Werner Volke aufgebaute Ausstellung "Borchardt – Heymel – Schröder" zu sehen. Alfred Döblin, 1878–1978" heißt die vom 10. Juni bis zum Jahresende zu besichtigende Ausstellung, die Jochen Meyer betreut. Zu beiden Ausstellungen werden umfangreiche Kataloge vorbereitet. Die Reihe der Kabinett-Ausstellungen, zu denen die im Abonnement erhältlichen "Marbacher Magazine" herauskommen, wird mit der Vorstellung von drei Sammlungen aus den Beständen des Literaturarchivs fortgesetzt: "Franziska von Reventlow" (27. Januar bis 16. Mai); "Berthold Viertel im amerikanischen Exil" (26. Mai bis 25. September); "Im Zwielicht – Hermann Sudermann zwischen Ruhm und Kritik (6. Oktober bis Ende Januar 1979).