Die "Ideologisierung einer Ideologie": das Unfehlbarkeitsdogma von Papst Pius IX.

Von Hansjakob Stehle

"Die Reformation ist entstanden, weil die Deutschen das Bedürfnis haben, fromm zu sein."

Klemens Maria Hofbauer, katholischer Heiliger († 1820)

Niemand liebt es, mit wunden und dunklen Punkten der eigenen Geschichte konfrontiert zu werden. Doch wer will den ersten Stein aufheben in jenem Glashaus, in dem – soweit es sich um Religions- und Kirchenobere, aber auch um sehr weltliche Glaubensboten handelt – eine geradezu "ökumenische" Gesellschaft versammelt ist? Seit jener Zeit, als ein frommer Mönch namens Luther seinen Papst "besser informieren", nämlich zu einem ganz und gar geistigen, biblischen Christentum bekehren wollte, haben .Theologen aller Konfessionen, auch die Kirchenhistoriker unter ihnen, den Stein des Anstoßes immer wieder hin- und hergewendet: den Widerspruch zwischen metaphysischen Glaubenswahrheiten und ihrer irdischen Wirklichkeit. Es ist dieses im Grunde unvermeidliche Spannungsverhältnis zwischen der Religion und ihrer menschlichen Geschichte, das die Kritik der Gelehrten, aber auch den Eifer der Moralisten herausfordert – drei "Kleriker" unter den Kirchengegnern wie der Antiklerikalen unter den Klerikern.

In diesem uralten Spannungsfeld bewegt sich das Werk eines jungen katholischen Theologen, der sich nach fünf enttäuschenden Referentenjahren im vatikanischen "Sekretariat für die Einheit der Christen" der Forschung zuwandte. Was er in mühseliger Mosaikarbeit aufdeckt, sind die genauen Einzelheiten eines Vorgangs, der fast hundert Jahre in den Archiven begraben war. Der Autor glaubt, dabei die Symptome einer "tiefer liegenden Krankheit" seiner Kirche zu diagnostizieren:

August Bernhard Hasler: "Pius IX. (1846–1878). Päpstliche Unfehlbarkeit und 1. Vatikanisches Konzil. Dogmatisierung und Durchsetzung einer Ideologie"; Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1977; 627 S., 2 Bände, 300,– DM.