ARD, Mittwoch, 14. Dezember: "Hier fällt ein Haus, dort steht ein Kran, und ewig droht der Baggerzahn", Film von Frank Strecker nach Jörg Müller

Da gibt es, zum ersten, die Städte, in denen vor fünfundzwanzig Jahren noch so etwas wie Dorfgespräch und Nachbarschafts-Plausch möglich war: die City-Idylle mit der Piazza, den Tante-Emma-Läden, der alten Zeitungsfrau und den Bäumen zwischen Straße und Haus und dem Bürgersteig als dem Zentrum von gemächlichem – Verweilen, vielseitiger Beobachtung und Gedankenaustausch.

Da gibt es, zum zweiten, Photographien, auf denen die Veränderung der Städte ablesbar ist: Geschäftsviertel statt der Wohnbezirke, in denen jedermann der Nachbar von jedermann war, Stadtautobahnen statt der Trottoirs, die zum Betrachten der Häuserfassaden einluden.

Da gibt es, zum dritten, die in Episoden gegliederte Bilder-Geschichte des Schweizer Illustrators Jörg Müller, der an Hand der Photographien den Verfall der Städte an einem modellartigen Beispiel nachgezeichnet hat – eine Art von Lego-Städtchen abbildend, das durch Fortnahme idyllisch-individueller und durch Hinzufügung normiert-gesichtsloser Elemente aus einer Heimat zum Niemandsland wird.

Und da gibt es, zum vierten, einen Film, dessen Regisseur und Autor, Frank Strecker, die Müllersche Bildgeschichte aus der Perspektive eines Blinden nacherzählen läßt – mit dem Erfolg, daß am Ende ein Fernsehspiel für Kinder (aber keineswegs nur für Kinder) herauskommt, das die alte Forderung nach unterhaltsamer Lehre, der vergnüglichen Didaxe, in idealer Weise erfüllt.

Was dramatisch beginnt (quietschende Reifen, Stöhnen und Hundegebell: ein blinder alter Mann wird überfahren), setzt sich episch fort (der Blinde berichtet über den Verfall einer Stadt, in der er, der im Vertrauten geborgen und sicher war, sich nicht mehr zurechtfinden kann) und endet, in der Form einer Ringkomposition, mit einem zweiten, den Bericht aufnehmenden Handlungs-Akzent: Der alte Mann, "es mußte ja einmal so kommen", wird ins Krankenhaus transportiert – Menschen wie er haben in Städten wie dieser nichts mehr zu suchen.

Die Erzähl-Figur des Blinden als Verfremdungs-Instanz – das war ein vortrefflicher Einfall: Auf diese Weise gelang es, die Tautologie von Wort und Bild zu vermeiden – der Blinde, in dessen Gedächtnis die Stadt von 1975 immer noch die Stadt von 1955 ist, schildert, was ihm zugetragen wird; der Betrachter am Bildschirm hat Gelegenheit, Übereinstimmungen und Diskrepanzen zwischen Bericht und optischer Demonstration zu erkennen. Auf diese Weise ergeben sich Spannungen zwischen dem Wort "aus zweiter Hand" (der Blinde erzählt, was er gehört, gerochen, gefühlt und geschmeckt hat: Sein Resümee ist abgeleitet und nicht authentisch) und dem unmittelbaren Anschauen: Der Betrachter sieht mit Augen (nicht "mit anderen": er sieht), was der Erzähler, höchst unvollkommen, aus verkürzter Perspektive, beschreibt.