Premierminister James Callaghan hat recht behalten: Die vom britischen Unterhaus provozierte Verschiebung der europäischen Direktwahlen bedeutet, wie er vor einiger Zeit besänftigend vorhersagte, in der Tat "nicht das Ende der Welt". Aber das Ausbleiben des Weltunterganges kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß Europa Schaden genommen hat. Wieder einmal haben kleinliche, egoistische Vorbehalte ein großes, gemeinsames Vorhaben bis auf weiteres gebremst.

Für das Nein zum Verhältniswahlrecht, das die Verzögerung verursacht, weil nun mühsam Mammutwahlkreise abgesteckt werden müssen, ließen sich leicht mildernde Umstände finden. Denn von Westminster ist in letzter Zeit ein gerüttelt Maß an Selbstverleugnung verlangt worden. Erst mußte die devolution mit ihrer Verlagerung von Kompetenzen in die schottischen und walisischen Landesvertretungen verkraftet werden. Nun soll das Unterhaus weitere Rechte an das Europaparlament delegieren, dessen Mitglieder zudem nach einer für die Briten völlig neuen Verhältnisregel gewählt werden sollten. Das Zögern im ehrwürdigen Haus an der Themse wäre verständlich.

Doch offenbar waren es gar nicht grundlegende Bedenken, die die Mehrheit der Parlamentarier in der vergangenen Woche zum Veto gegen die Verhältniswahl bewogen. Statt dessen versuchten Labourabgeordnete wie Konservative, mit ihrer Entscheidung vornehmlich den ungeliebten Liberalen eine Quittung zu verpassen. Die Absage an die proportionale Repräsentation hat ausgerechnet diesen eifrigsten Verfechtern der Gemeinschaftsidee die Chance genommen, wenigstens ein paar Vertreter in das Europaparlament zu entsenden. Obwohl er sich für die Wahlrechtsänderung stark machte, kommt die Entwicklung schließlich auch James Callaghan gelegen. Er braucht keine Schlappe vor den Unterhauswahlen mehr zu fürchten; denn für Europa wird nun wohl erst nach der nationalen Wahlentscheidung abgestimmt.

Die meisten Partner haben auf die Verzögerung durch die Briten milde reagiert. Es gibt auch andere Europäer, wie die Franzosen und die Dänen, die es mit der Direktwahl nicht zu eilig haben. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Das direkt gewählte Parlament wird kommen – nicht mehr, wie vorgesehen, im nächsten Frühsommer, sondern vielleicht ein Jahr später. Ob es der Gemeinschaft den vielberedeten demokratischen Fortschritt beschert, scheint hingegen immer zweifelhafter. Der Elan sollte die wichtigste Waffe des Europäischen Parlaments werden. Mit ihrer Verzögerungstaktik haben ihn die Briten nun schon im voraus gehörig gedämpft.

D. B.