Heinrich Böll ist nicht der Mann für Jubel-Aufsätze, auch dann nicht, wenn er seinen sechzigsten Geburtstag feiert. Die Feuilleton-Redaktion der ZEIT glaubt diesem Schriftsteller, den sie dankbar als gelegentlichen Mitarbeiter betrachten darf, zum 21. Dezember nicht besser grüßen zu können, als indem sie ihn selber zu Wort kommen läßt und ihm die Ehre der Kritik erweist. Wir haben einen der jüngeren Kritiker der ZEIT, der Bölls Werke schon mit den Augen der nachgewachsenen Generation gelesen hat, gebeten, die ersten fünf Bände der Werkausgabe vorzustellen. Hanjo Kesting hat mit Böll ein längeres Gespräch geführt. Die Originalfassung hat der NDR am 18. Dezember gesendet. Wir drucken die wichtigsten Passagen.

Herr Böll, Sie werden sechzig Jahre. Es wird Gedenkartikel, Geburtstagsadressen, Würdigungen geben. Ist Ihnen das lästig?

Heinrich Böll: Ich habe von Natur und von Haus aus wenig Verhältnis zu Geburtstagen.

Sie sind ja, spätestens seit der Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur, auch eine "öffentliche Figur", was kurios ist, da Sie ja eigentlich keine repräsentativen Züge haben. Als Sie 1972 bei der Verleihung des Preises in Stockholm ihre Rede hielten "Versuch über die Vernunft der Poesie", haben Sie einen Frack getragen – und der hat Ihnen ausgezeichnet gestanden."

Heinrich Böll: Das glaube ich nicht, er war geliehen.

Es gibt ja so etwas wie den wirklichen, den geborenen Repräsentanten, denken wir an Thomas Mann.

Heinrich Böll: Ich finde diese Art von Repräsentanz undemokratisch. Wenn ich eine politische Leidenschaft habe, dann ist es das Demokratische oder Republikanische – Ich kann einfach nicht repräsentativ sein. Das ist kein Verdienst, keine Bescheidenheit, und das Gegenteil wäre auch kein Hochmut...