Die außenpolitischen Aktivitäten der DDR in jüngster Zeit sind offenbar darauf angelegt, den Aktionsradius Ost-Berlins zu erweitern.

In den westlichen Ländern und in der Dritten Welt begnügte sich die DDR meist mit der normalen Repräsentanz durch ihr diplomatisches Personal. Wenn hin und wieder Emissäre aus Ost-Berlin in die weite Welt fuhren, dann hatte dies meist wirtschaftliche Gründe oder diente der Kontaktpflege zu anderen kommunistischen Parteien.

In diese Kategorie gehören zum Beispiel die Reisen von Gerhard Beil, Staatssekretär im Außenwirtschaftsministerium, von Günter Mittag, dem für Wirtschaft verantwortlichen Parteisekretär, oder von Hermann Axen, der für die internationalen Verbindungen der SED zuständig ist. Selbst der Außenminister der DDR, Oskar Fischer, ließ sich nur selten außerhalb des Ostblocks sehen, von gelegentlichen Reisen nach Skandinavien oder zu den Vereinten Nationen abgesehen. Erich Honecker gar war bislang nur einmal außerhalb des sozialistischen Lagers: bei der Sicherheitskonferenz in Helsinki vor zwei Jahren.

Um so mehr überraschte es, daß in der ersten Dezemberhälfte fast die gesamte Führungsspitze der DDR in alle Himmelsrichtungen ausschwärmte: Erich Honecker und Ministerpräsident Willi Stoph besuchten nicht nur Vietnam und Nord-Korea, sondern statteten auch den Philippinen einen Besuch ab – einem Staat, der wie kaum ein anderer Kommunisten verfolgt und unterdrückt. Als zunächst Gerüchte die Kunde machten, Honecker wolle bei seiner Fernostreise auf den Philippinen aus technischen Gründen zwischenlanden, galt dies noch als aberwitzige Idee; am Ende wurde ein Staatsbesuch daraus.

Außenminister Fischer war zur gleichen Zeit in Tokio und Osaka: Das war das erste Mal, daß ein Regierungsmitglied der DDR Japan besuchte. Zuvor war nur Politbüromitglied Günter Mittag zu wirtschaftlichen Gesprächen in die japanische Hauptstadt gereist. Während Fischer in Japan weilte, tauchte Volkskammerpräsident Sindermann in der westafrikanischen Inselrepublik São Tomé und Principe auf und reiste weiter nach Angola. Dabei wurde die Funktion Sindermanns als stellvertretender Vorsitzender des Staatsrates ebenso hervorgehoben wie die Tatsache, daß es sich hier um einen offiziellen Besuch einer DDR-Delegation gehandelt habe. Zur gleichen Zeit war Politbüromitglied Werner Lamberz in Libyen, Justizminister Heusinger hielt sich derzeit in Guinea auf.

Gewiß dienten all diese Besuche verschiedenen Zwecken, aber die Häufung der Reisen ist doch nicht zufällig. In Japan hatte Außenminister Fischer offenbar vor allem die Aufgabe, die von Günter Mittag zuvor begonnenen wirtschaftlichen Gespräche fortzusetzen.

In Libyen kam es der DDR darauf an,/die Entwicklung im Nahen Osten zu erkunden und möglichst auch zu beeinflussen, und zwar sicher nicht ohne Auftrag aus Moskau. Fraglos ging es aber auch um den Bezug libyschen Erdöls, auch wenn sich die DDR-Statistik über den Handel mit Libyen ausschweigt.