ARD, Sonntag, 25. Dezember, 20.15 Uhr: „Die Vorstadtkrokodile“, Fernsehfilm von Max von der Grün (Buch) und Wolf gang Becker (Regie)

Im zweiten Kanal gibt Anneliese Rothenberger sich die Ehre, im Gemeinschaftsprogramm der Dritten von Nord und West treten die Meistersinger von Nürnberg an. Wieder einmal verwöhnt uns das Fernsehen zu Weihnachten mit einer Überdosis an hehrer Besinnlichkeit: schwere Kost zum fetten Gänsebraten, nicht jedermanns Sache. Nur die Kollegen vom Ersten Programm zwängen sich am Weihnachtsabend nicht in ein steifes Feiergewand, und schon dazu muß man ihnen gratulieren.

„Wie im ‚Tatort‘“kommt sich eins der wilden Kinder vor, die in einer nicht eben anheimelnden Industriegegend irgendwo zwischen Rhein und Ruhr mit Mutproben und Indianerspielen dem Alltag davonlaufen. Sie nennen sich die Krokodile: eine widerspenstige Bände von Milchzahn-Rockern, und manchmal geht es in der Tat ein wenig kriminell zu. Ältere Brüder klauen schon mal Fernseher und andere teure Sachen, die Kinder befinden sich in einem moralischen Dilemma: Sollen sie zur Polizei gehen, dürfen sie Nachbarn verpfeifen? Und dann gibt es noch den Kurt, der im Rollstuhl sitzt, den „Rennfahrer“, der, erst verspottet und geschnitten, allmählich Anschluß an die Gruppe findet: weil er mehr im Kopf hat als die anderen in den Beinen.

Ein überhaupt nicht sentimentales Loblied auf die Solidarität hat Max von der Grün geschrieben, was viel mit dem Spiel der jungen Laiendarsteller zu tun hat: keine gelackten Trotzköpfchen, sondern Kinder mit einer authentischen Sprache und bedrängenden Problemen. Wolfgang Becker hat das alles mit leichtem „Tatort“-Touch inszeniert, mit gelegentlich allzu routinierten Spannungseffekten, doch ohne sich beim Publikum anbiedernde Rührseligkeit.Denn natürlich sind „Die Vorstadtkrokodile“ letztlich ein Weihnachtsfilm. Max von der Grün, der selber einen körperbehinderten Sohn hat, wirbt um Toleranz gegenüber gesellschaftlichen Außenseitern: keine schlechte Botschaft für den 25. Dezember.

Wer Weihnachten keine Lust zum Fernsehen hat, kann „Die Vorstadtkrokodile“, eine Co-Produktion zwischen der WDR-Fernsehspiel-Redaktion und dem WDR-Kinderprogramm, am 3. und 4. Januar jeweils um 17 Uhr als Zweiteiler anschauen. Hans C. Blumenberg