Hanns-Martin Schleyer wird vorerst keinen Nachfolger erhalten

Noch dauert in der Öffentlichkeit das Spekulieren über die Nachfolge von Hanns-Martin Schleyer in den Spitzenpositionen des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) an – und das mehr als zwei Monate nach dem Mord von Mülhausen. Die BDA ließ eine ordentliche Mitgliederversammlung ohne Neuwahl des Präsidenten vorübergehen und vertröstete ihre Verbände auf das erste Quartal 1978.

Der industrielle Spitzenverband schweigt noch hartnäckiger. Erst im Mai 1978 tagt seine ordentliche Mitgliederversammlung in Berlin. Bis dahin soll ein Rat der Vizepräsidenten – von Hansen (Bayer) über Zahn (Daimler) bis Sohl (Thyssen) – die Geschäfte führen. Das Interregnum könnte auf diese Art fast neun Monate dauern.

Doch "Königsmacher" Hans Günther Sohl – auch Initiator der Doppel-Präsidentschaft von Schleyer – war derweil nicht untätig. Zusammen mit seinen Kollegen bemühte er sich, denkbare Kandidaten zu fragen und auf ihre Wählbarkeit hin zu überprüfen. Nach einem mühseligen Sondierungsverfahren blieben nur zwei Unternehmer übrig, die ohne besondere Schwierigkeiten die Stimmen der zuständigen Gremien des BDI und der BDA auf sich vereinigt hätten: Der Mannesmann-Vorstandsvorsitzende Egon Overbeck und der Flick-Gesellschafter Eberhard von Brauchitsch.

Der "Mann von Mannesmann" winkte nach einem Gespräch im Vorstand des Unternehmens ab und erklärte, es sei für ihn mit Rücksicht auf seine Firmenverpflichtungen nicht möglich, die Kandidatur für die Doppel-Präsidentschaft der beiden. Unternehmerverbände anzunehmen. Im Verbandsvorfeld hieß es außerdem, Overbecks Absenderfirma gehöre dem Arbeitgeberverband Eisen und Stahl an, der wegen der Arbeitsdirektoren in seinem Vorstand nicht zu den Mitgliedsverbänden der Arbeitgeber-Spitzenvereinigung zähle – ein wohl angesichts der Aufgabe, um die es geht, recht kleinkariertes Argument. Doch wie dem auch sei: Overbeck steht nicht zur Verfügung.

Auch der zweite Kandidat der "ersten Wahl", Eberhard von Brauchitsch, mußte nach eingehenden Erkundungen passen, weil ihn zwingende Verpflichtungen in der Firma Flick festhalten. Damit war; das Reservoir an Kandidaten für diese Runde erschöpft. Den "Wahlmännern" blieb nichts anderes übrig, als in der Frage der Doppel-Präsidentschaft zunächst zu resignieren. In dieser Funktion wird Hanns-Martin Schleyer keinen direkten Nachfolger haben – wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

In dieser Lage bot sich nur noch die "zweite" Lösung an: Die Rückkehr zur Trennung der beiden Präsidentenämter und die Vorbereitung der Wahl von zwei Unternehmern, die BDA und BDI führen. Der Zufall wollte es, daß der Darmstädter Merck-Gesellschafter Otto Esser, Vorsitzender der Chemie-Arbeitgeber, nach der Entführung Schleyers als ältester Vizepräsident der BDA in die Bresche springen mußte. Im Augenblick sieht es so aus, daß eine außerordentliche Mitgliederversammlung der BDA im März 1978 Esser für zwei Jahre zum Präsidenten der Arbeitgeber-Spitzenorganisation wählen wird.