Von Gunter Hofmann

Frankfurt, im Dezember

Die rote Festung müsse geschleift werden, drängten manche kulturkämpferisch. Mit klirrenden Worten versprachen Hessens Christdemokraten, eine Stadt vor dem Abgrund, vor dem "Weg in den Sozialismus" zu retten. Frankfurt stand vor einem Jahr noch als Synonym für eine Politik, die ungeschehen gemacht werden sollte. Der sozialdemokratische rote Römer war das Herzstück eines Feindbildes.

Seit einem halben Jahr versucht sich der Christdemokrat Walter Wallmann dort einzurichten, als Nachfolger Rudi Arndts (SPD) und großer sozialdemokratischer Bürgermeister wie Brundert und Möller. Ein blendender Wahlerfolg am 20. März hatte ihn nach Frankfurt getragen. Jetzt sackt Alfred Dreggers Union in Hessen allmählich wieder ab, weshalb von Geschick und Fortune des Walter Wallmanns für die Landtagswahlkämpfer im Herbst 1978 erst recht viel abhängt. Frankfurt steht jetzt als Modell dafür, was wäre, wenn die CDU auch im Lande regierte.

Wiesbadens sozialdemokratischer Ministerpräsident Holger Börner und Frankfurts Oberbürgermeister Wallmann sind damit beinahe heimliche Rivalen geworden. Sie gelten als Konkurrenten, denen die Schlüsselrolle zufallen könnte. Beide wollen Solidität verkörpern und sagen das auch. Beide ziehen damit die gleiche Lehre aus dem Schicksal ihrer Vorgänger, Osswald und Arndt. Wo Vergangenheitsbewältigung als Priorität gilt, wird nach den großen Alternativen, dem glasklaren Entweder-Oder, nicht mehr gefragt. Es schlägt die Stunde der Besitzstandswahrer. Befriedung, nicht auftrumpfendes Herausfordern, wird verlangt. Aus diesem Grund tritt Rudi Arndt ins zweite Glied zurück. Und Alfred Dregger laviert zunehmend nervöser. Die Nachfragen nach den explosiven Temperamenten sinkt. Dennoch ist es für einen Politiker wie Wallmann, der von Haus aus kein Hauruck-Mensch oder Erneuerer ist, dem aber selbst bei kleinen Bewegungen Grenzen gesetzt sind, ungewöhnlich schwer, politisches Profil zu gewinnen. Der CDU-Oberbürgermeister hat nichts zu lachen.

Die überaus heterogene CDU Frankfurts, in der erst jüngst die alten Rivalitäten zwischen Moderaten und der legendären Gruppe "Adel und Banken" neu aufbrachen, ist nur schwer zu führen; Wallmann versucht den Zwist mit der Drohung zu unterdrücken, er selbst werde den Parteivorsitz übernehmen und dann für Konsens in Form von Stillschweigen sorgen. Der Magistrat wird zwar um zwei Stellen für Christdemokraten ausgeweitet, bleibt aber dennoch in seiner Mehrheit von Sozialdemokraten besetzt; den nicht weisungsbefugten Bürgermeister zwingt das geradezu zur Kooperation. Der Stadt ist es noch immer gelungen, die Oberbürgermeister zu prägen, sich aber umgekehrt von ihnen nicht beliebig modellieren zu lassen, egal, wer regiert. Was heißt da schon "Machtwechsel"? Schließlich lebt in diesem Frankfurt, vom Bürgertum bis zur Subkultur, neben aller Krämerseligkeit eine "große Liberalität", die jeder Hausherr im Römer zu akzeptieren lernte und von der nun auch Wallmann schwärmt.

Selbst wenn sein Temperament ihn zum Experimentieren triebe, wäre WalterWallmann äußerste Zurückhaltung abverlangt. Nur konsequent, hat er aus der Not eine Tugend gemacht und spöttelt über die "politischen Muhamad Alis", die Kraftprotze. Die Stadt sei "regierbar", erklärte er, als sei diese Erkenntnis schon ein Sieg. Man müsse nur versuchen, "seine Furchen zu ziehen", lautet das Credo, an dem er sich aufrichtet. Fast für alles, was er im Amt erlebt, zeigt er sich ausdrücklich dankbar; "Dankbarkeit" ist sein Lieblingswort.