Von Karl Koch

Es fing damit an, daß sich in den urchristlichen Gemeinden die Notwendigkeit herausstellte, die Nächstenliebe unter die Obhut der Organisation bringen zu müssen. Nach dem neutestamentlichen Bericht hatten sich jüdische Witwen darüber beschwert, daß sie bei der täglichen Versorgung übersehen wurden. So sahen sich die Apostel veranlaßt, die Angelegenheit künftig durch berufene Funktionäre zu regeln. Sieben Männer wurden ausgewählt, die sich speziell um das leibliche Wohl der Gemeindeglieder kümmern sollten. Die Kennzeichen dieser Männer: Festigkeit im Glauben, Weisheit und ein guter Ruf.

Bis in unsere Tage blieben diese drei Kennzeichen die von Diakonen erwartete Berufsvoraussetzung. Das hatte seinen guten Grund. Als im Zeitalter der industriellen Revolution die soziale Not der arbeitenden Bevölkerung und besonders der nichtarbeitenden Bevölkerung auch für die Kirchen unübersehbar wurde – nachdem man lange genug die Augen vor materiellem Elend verschlossen hatte –, bedurfte es tatkräftiger und von der Liebe zum Mitmenschen geprägter Helfer, um wenigstens die gröbsten Wunden behandeln zu können. Doch die Probleme waren so vielfältig, daß sie nicht zu bewältigen waren. Hinzu kam, daß in allen sozialen Bereichen ohnehin nur Symptome kuriert werden konnten; an die Beseitigung der Ursachen des sozialen Elends war nicht zu denken. Diese Möglichkeit des Helfens erschien selbst den christlichen Initiatoren karitativer Einrichtungen nicht diskutabel. So wuchsen die Aufgabenfelder der Diakonie ständig.

Die urchristliche Beschwerde der Witwen, die der Anlaß zur Organisation der sozialen Versorgung gewesen war, hatte noch immer eine auffallende Gemeinsamkeit mit den von der Struktur der Gesellschaft her sicher völlig anders gearteten Problemen des 19. Jahrhunderts. Es ging um die Zukurzgekommenen, um die, die aus verschiedenen Gründen im Räderwerk der unbarmherzigen Produktionsmaschinerie nicht mehr mithalten konnten; Alte und Kranke, Witwen und Waisen, Alkoholiker, Prostituierte, Stadt- und Landstreicher, um nur einige aus demsehr viel größeren Spektrum der der Hilfe Bedürftigen zu nennen.

Als dann zunächst einzelne Männer – wie Bodelschwingh, Kolping, Wichern oder Ketteler – ein Beispiel setzten, benötigten sie Helfer und Helferinnen für die vielfältigen Aufgaben. Da es keine Ausbildungsstätten für solche Helfer! gab, mußten sie eingerichtet werden. So entstanden viele der bis heute vorhandenen Diakonenanstalten oder auch Bruderhäuser, wie man sie damals nannte. Frauen, für die das soziale Engagement im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen in der Regel auch die Ehelosigkeit bedeutete, ließen sich als Krankenschwestern oder Pflegerinnen ausbilden, um später als Diakonissen tätig sein zu können.

Ein einheitliches Ausbildungsprogramm hat es für das Tätigkeitsfeld des Diakons lange Zeit nicht gegeben. Erst seit der Errichtung der Fachhochschulen in der Bundesrepublik am Ende der sechziger Jahre bahnt sich eine systematische und in den Schwerpunkten weitgehend übereinstimmende Ausbildung an. Dies zeigt sich auch darin, daß als Eingangsvoraussetzung zum Studium die Fachhochschulreife oder ein gleichwertiger Bildungsabschluß nachgewiesen werden muß.

Der Wille zum Helfen allein genügt also nicht mehr; eine fachgerechte und wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Ausbildung soll die Bereitschaft zum Dienst am Mitmenschen untermauern. Die Kirchen haben sich der Entwicklung angeschlossen und ihre bisherigen Diakonenausbildungsanstalten in Fachhochschulen umgewandelt. Diese Fachhochschulen unterhalten in der Regel mehrere Fachbereiche. Neben dem Fachbereich für Diakonie und kirchliche Dienste besteht häufig auch ein eigenständiger sozialpädagogischer Fachbereich für angehende Sozialarbeiter bzw. Sozialpädagogen.