• Herr Müller, die Bundesregierung hat jetzt die Fortschreibung des Energieprogramms mit neuer Energieprognose vorgelegt. Halten Sie die mehrfach korrigierte Prognose für realistisch?

Müller: Diese Korrektur nach unten macht sie realistischer. Allerdings müssen die Institute stets von einer vorgegebenen Rate von vier Prozent mittlerem Wirtschaftswachstum bis 1985 ausgehen. Bei stärker wachstumsabhängigen Energieverbrauchern haben die Prognosen somit immer noch hoch anmutende Verbrauchswerte. Unabhängig davon scheint die Wachstumsabhängigkeit des Energieverbrauchs noch vorsichtig traditionell kalkuliert.

  • Rechnen Sie also mit einem geringeren Energiebedarf?

Müller: Längerfristig ja, und zwar auch bei der vorgegebenen Zielrate von vier Prozent Wirtschaftswachstum. Ihr Erreichen setzt ausreichende Energie voraus. Indessen lösen sich gewichtige Teile der Energienachfrage zunehmend von der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung. Hohes Wirtschaftswachstum wird sich weniger über die Grundstoffindustrien einstellen. Vor allem im größten Nachfragesektor, dem Haushaltsbereich, ist eine Energiebedarfsentwicklung vorgezeichnet, die sich vom allgemeinen Wachstum entkoppelt. Und gerade hier kann die im Wirtschaftsablauf verankerte automatische Entkoppelung noch verstärkt vorangetrieben werden. Wenn folgerichtig die Energieanwendung in den Mittelpunkt des Energieprogramms rückt, so sind dabei realistische Prognosen notwendig, damit nicht unrealistische Vorschläge zur Energieanwendung ins Programm einfließen.

  • Sie sagen, die Schwergewichte des Energieprogramms liegen bei der Energieanwendung. Kann sich daraus eine erneute Prognosenkorrektur nach unten ergeben?

Müller: Im Zeitrahmen des Programms durchaus. Nur ein Beispiel: Im Haushaltsbereich rechnen Regierung und Institute für 1990 mit einem Stromverbrauch von 280 Milliarden Kilowattstunden, viele Energieversorger hingegen mit bis zu fünfzig Milliarden Kilowattstunden weniger. Zwar hat der Staat, der zum Haushalt gezählt wird, seit Jahren die höchsten Stromzuwachsraten aller Verbraucher überhaupt, jedoch neigt der einst sehr expansive reine Haushaltsstrom im nächsten Jahrzehnt zur Stagnation.

Würden im Sinne des Energieprogramms die genannten fünfzig Milliarden Kilowattstunden im Haushalt für Heizzwecke rationell eingesetzt, träfe zwar die Stromprognose eher zu, indessen müßte dann aber der gesamte Energiebedarf niedriger liegen. Denn mit vergleichsweise wenig mehr Strom wird nicht nur Öl substituiert, sondern darüber hinaus Primärenergie eingespart. Strom macht nämlich Umweltwärme nutzbar. Noch ist dies nicht breit bewußt, aber die Schwerpunkte des neuen Energieprogramms pflügen das Feld für diese vernünftige Sicht. Insofern mögen spätere Programme niedrigere Energiebedarfszahlen auch als Ziel vorgeben, was auch neue Wachstumsmärkte öffnet.