Weiße Weihnachten wird wohl kaum jemand in tropischen Gefilden erwarten. So grell-bunt und lärmend-laut, wie das Fest dann kommt, überrascht es aber doch. Der in Deutschland angewöhnte, feierliche Gesichtsausdruck erstarrt uns auf halbem Wege, die rührend guten Gefühle gerinnen, bevor sie überhaupt aufsteigen können.

Kaum wird es dunkel – so gegen 18 Uhr – geht schon die Knallerei los. Alles strömt aus den Häusern ins Freie, in Gruppen ziehen die Menschen durch die Straßen und werfen begeistert mit meist selbstgebastelten Feuerwerkskörpern um sich. Kinder schreien, Männer grölen, und dazwischen keifen Frauenstimmen: Lärm ist schön. Je mehr, je lauter, desto besser!

Nach einigen Runden kehren wir erschöpft ins Haus zurück. Erwartungsvoll versammeln sich die Kinder vor der Tür des "Weihnachtszimmers". Drinnen läuft, wie in immer mehr guatemaltekischen Häusern, ein Tonband. Die auf Baß getrimmte Stimme des Familienvaters stellt jedem der vor Spannung zitternden Kinder einzeln die drohende Frage, ob es auch brav gewesen sei während des letzten Jahres. Nach wohlberechneter Pause verteilt die nun erfreut klingende Stimme Lob, verspricht Belohnung. Ein Mädchen antwortet falsch – nämlich mit trotzigem "nein!". Nun liegt die Spannung bei den Erwachsenen."...Das höre ich gern", fährt der Tonband-Weihnachtsmann fort. Doch die Kleinen sind viel zu aufgeregt, um die Panne zu bemerken.

Die Tür öffnet sich, Kinder wie Erwachsene drängeln sich zu den Geschenktischen. In der Ecke des Zimmers steht ein trostloser Strauch, dessen kahle Ästchen mit Silberfarbe besprüht und mit einigen dicken metallbunten Kugeln behängt sind. (Für Angehörige der Deutschen Botschaft werden kränkelnde Fichten aus Kanada eingeflogen. Geschickte Hände flicken derer zwei zu einer zusammen und erhalten so einen fast gesund aussehenden Weihnachtsbaum.) Eine Krippe hatten wir schon Wochen vorher aufgebaut. Heute liegt das Jesuskind – eine Babypuppe – darin.

Es wird viel geküßt, aber nicht allzu lange, denn jetzt sollen die "piñatas" geschlachtet werden. Piñatas sind Tontöpfe, mit farbigem Papier zu verschiedenen Figuren, oft Fabeltieren drapiert und mit Früchten, Rohrzucker und Nüssen gefüllt. Jeweils eins dieser irdenen Phantasiegebilde hängt an einem Seil, und nun darf einer nach dem anderen mit verbundenen Augen eine bestimmte Anzahl von Schlägen zu landen versuchen – wenn möglich, nicht auf die Umstehenden. Gelingt es einem, das hin und her tanzende Untier mit dem Holzknüppel zu treffen und zu zerschmettern, stürzen diejenigen mit den unverbundenen Augen in Sekundenschnelle herbei, um nach den herabfallenden köstlichen Innereien zu grapschen.

So viel Bewegung macht hungrig, allen Naschereien zum Trotz. Die dicke Köchin schiebt sich und ein überladenes Tablett herein, auf dem sich die traditionellen "tamales" stapeln, die sie schon Wochen vorher in riesigen, dampfenden Kesseln auf dem Hof zubereitet hat: kleine rechteckige grüne Päckchen. Das Grüne sind Bananenblätter, die sollte man aber nicht mitessen, sondern vorsichtig aufwickeln; darunter erscheint eine weißliche Maismasse, die in ihrem Innern ein Stückchen Fleisch, scharfe Chilisoße und eine Backpflaume verbirgt. Für Guatemalteken sind tamales eine Delikatesse. Manche schaffen bis zu zwanzig davon ..., das sind dann die ersten, die schließlich ermattet ins Bett sinken – während draußen noch munter weiter geknallt und gelärmt wird.

Monika Fresenius