Von Jürgen Werner

Vor mir stand Ponticelli und blickte mich aus großen, dunklen Augen an, so als ob er abschätzen wollte, wer von uns beiden sich wohl durchsetzen würde. Der achtjährige Wallach hatte seine Ohren nach vorn gerichtet und wartete. Neben mir stand Dietmar Dude, seit drei Jahren 1. Vorsitzender des Norddeutschen und Flottbeker Reitervereins, Besitzer einer eigenen Reithalle in Tangstedt, und erklärte mir geduldig, wie ich vom tiefen Sandboden der Halle aus mit Hilfe des linken Steigbügels – "der linke Fuß muß voll im Steigbügel stecken, das linke Knie drücken Sie fest gegen den Sattel, damit sich ihre Fußspitze dem Pferd nicht schmerzhaft in die Rippen bohrt" –; auf den Rücken Ponticellis gelangen könnte.

"Das rechte Bein schwingen Sie dann ganz ruhig, möglichst ohne ihn zu berühren, auf die andere Seite und nehmen dann den rechten Steigbügel auf. Ponticelli wird dabei ganz ruhig bleiben" – Dietmar Dudes Erklärungen waren präzise und wirkten so selbstverständlich, daß ich gar nicht mehr anders konnte, als mich mit dem rechten Standbein abzustoßen – der linke Fuß steckte weisungsgemäß im Steigbügel –, es über den Pferderücken zu schwingen, zu drehen und – schon saß ich!

Doch noch weit davon entfernt, "höchstes Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde" zu empfinden, fingen die Probleme jetzt erst an. Inzwischen hatte sich mein Mentor elegant auf Amazonas, einen elfjährigen Wallach, geschwungen und belehrte mich über Körper- und Zügelhaltung, Beinstellung und Kontakt zum Pferd. Amazonas begann sich im Schritt vorwärtszubewegen, doch Ponticelli stand. Die Situation war da.

Was macht ein Reiter, der nicht wie ich – einen erfahrenen Reitersmann an seiner Seite weiß, sondern sich im Urlaub bei einem der vielen hunderten Mietställen ein Pferd mietet und auf die Frage "Können Sie reiten? überzeugt nickt, weil alles so einfach aussieht, wenn man es aus der Ferne oder im Fernsehen betrachtet. Gegen eineGebühr, die zwischen 15 und 20 Mark liegt, kann jeder Bundesbürger dann ein Pferd besteigen, durch Wald und Wiesen oder auch am Strand reiten, wie es ihm gerade einfällt.

Dietmar Dude bezeichnet diese Art von Reiterei als eines der großen Probleme, denen Verbände und Vereine nur durch gezielte Nachwuchs- und Schulungsarbeit begegnen können. Denn der Zahl von über 350 000 in etwa 3000 Reit- und Fahrvereinen organisierter Mitglieder steht eine geschätzte Zahl von mehr als zwei Millionen nicht organisierter Hobby- und Gelegenheitsreiter gegenüber, die, wie Horst Stern es einmal bissig umschrieb, den Sportkameraden Pferd zum Sportgerät degradieren.

Dieser Entwicklung müßten "Zügel angelegt werden" – Berndt von dem Knesebeck, Pressereferent im Dachverband der Reiter, der "Deutschen Reiterlichen Vereinigung" (FN), plädiert für eine Ausweitung des Reiterpasses, der – eine Art Führerschein für ein PS – Reitern nach einer Ausbildung und abschließender Prüfung die Beherrschung des Pferdes in Theorie und Praxis bescheinigt.