Von Michael Jungblut

Für Karl Schwab vom Deutschen Gewerkschaftsbund war die Sache schon Mitte August klar: "Die Bundesregierung darf nicht noch einmal auf dieses verwerfliche Spiel mit dem Schicksal von hunderttausend jungen Menschen hereinfallen", wetterte er in der Welt der Arbeit. Das für Jugendfragen zuständige DGB-Vorstandsmitglied ließ auch keinen Zweifel daran, welche Strafe er für solch frevelhaftes Tun für angemessen hält: "Eine Wirtschaftsordnung, in der das Recht auf Ausbildung und Arbeit nicht zu realisieren ist, hat ihre Existenzberechtigung verwirkt."

Anfang Dezember wußte der DGB-Mann endgültig, was von der Zusage der Wirtschaft zu halten sei, angesichts der Jugendarbeitslosigkeit – und zur Vermeidung der von der Bundesregierung angedrohten Berufsbildungsabgabe – in diesem Jahr hunderttausend zusätzliche Lehrstellen bereit zu stellen: "Es ist einfach unverantwortlich gegenüber der jungen Generation, sich auf fadenscheinige Versprechungen zu verlassen." Schwab untermauerte dieses harte Urteil mit dem Hinweis auf die 95 700 Jugendlichen unter zwanzig Jahre, die zur Zeit als arbeitslos gemeldet sind, und weist anklagend auf die breite Lücke hin, die zwischen den 345 000 freien Ausbildungsplätzen und den 347 000 Bewerbern besteht, die in diesem Jahr von der Bundesanstalt für Arbeit registriert wurden. "Was für Zahlen muß es denn noch geben", ereiferte er sich in der Hauspostille des Gewerkschaftsbundes, "damit die Bundesregierung endlich die notwendigen Entscheidungen fällt und die gesetzliche Umlagenfinanzierung in der Berufsbildung einführt?"

Dazu muß es vor allem aussagefähigere Zahlen geben als die, mit denen Karl Schwab operiert. Die Bundesanstalt für Arbeit weist immer wieder darauf hin, daß die Zahl der gemeldeten Ausbildungsplätze auf keinen Fall mit der Zahl der tatsächlich angebotenen Lehrstellen verwechselt werden dürfe. Auch die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen dürfe nicht gleichgesetzt werden mit gescheiterten Bewerbern um eine Lehrstelle. Von den registrierten jungen Arbeitslosen sei nur jeder zwanzigste an einem Ausbildungsplatz interessiert.

Die Zahlen, die wirklich darüber Auskunft geben, ob die Wirtschaft es geschafft hat, die geschätzte Zahl von rund hunderttausend zusätzlichen Ausbildungsplätzen in diesem Jahr zu erreichen, liegen erst seit Mitte dieser Woche beim "Kuratorium der deutschen Wirtschaft für Berufsbildung" vor. Auch wenn beim Handwerk oder den freien Berufen und im öffentlichen Dienst wegen verzögerter Meldungen noch kleine Korrekturen möglich sind, so läßt sich heute schon sagen, daß insgesamt rund 81 000 Ausbildungsverträge mehr abgeschlossen wurden als im Vorjahr. Davon entfielen auf:

  • Industrie und Handel 37 477
  • Handwerk 30 000
  • Landwirtschaft 5 000
  • Freie Berufe 4 000
  • öffentlicher Dienst 5 000

Daneben wurden von der Bundesanstalt für Arbeit Ende September 27 000 unbesetzte Ausbildungsplätze registriert – das waren neuntausend mehr als im Vorjahr. Freie Lehrstellen meldete aber auch die Wirtschaft. So hatte der Kaufhauskonzern Hertie zwar sein Angebot an Ausbildungsplätzen um zwanzig Prozent gesteigert, konnte davon aber nur die Hälfte besetzen. Unter Bewerbermangel litten auch ganze Branchen. In der Glasindustrie blieben rund tausend Plätze frei. Das Hotel- und Gaststättengewerbe hätte noch achttausend Bewerber aufnehmen können, die Möbelindustrie zehntausend und die Baubranche elftausend. Selbst wenn ein großer Teil dieser unbesetzten Ausbildungsplätze den Arbeitsämtern gemeldet worden sein sollte (so daß nicht alle freien Plätze einfach addiert werden können), dürfte die Summe der in diesem Jahr von der Wirtschaft zusätzlich angebotenen Lehrstellen die magische Zahl von hunderttausend erreicht oder sogar leicht überschritten haben.