Lieber Hans-Jürgen Syberberg,

wir haben neulich nahezu eine Stunde lang am Telephon gestritten, und ich wollte mit Ihnen Details unserer Verabredung besprechen, Ihren neuen, siebenstündigen Hitler-Film im Rahmen der nächsten Berlinale aufzuführen. Aber Sie hatten es sich anders überlegt, wollten nicht mehr. Das ist bedauerlich für die Berliner und für unser Festival-Publikum. Aber viel mehr irritiert mich Ihre Argumentation. Ich finde sie kurzsichtig und ungerecht und höchst gefährlich. Beim Festival von Cannes dieses Jahr haben Sie in einem Randprogramm leider zu einer sehr ungünstigen Zeit Szenen von etwa einer Stunde Länge aus dem Hitler-Film gezeigt. Sie zählten damals den sehr geringen Anteil deutscher Kritiker, die zu der Vorführung kamen, registrierten auch genau jene, die vorzeitig den Saal wieder verließen und waren verärgert über das sehr geringe Echo in der deutschen Presse. Verwunderlich, soll man über eine solche Kostprobe schreiben? Jede negative Anmerkung hätten Sie zu Recht mit dem Hinweis gekontert, der Schreiber könne sich noch kein Urteil erlauben. Warum sollten die Filmkritiker außerdem in der Hast im Überangebot des Festivals ein Teilstück ansehen, wo sie doch den ganzen Film erleben und beurteilen wollten?

Ihre Dauerfehde mit der deutschen Filmkritik ist bekannt, Sie haben sie in "Syberbergs Filmbuch" sehr ausführlich, sehr polemisch dokumentiert und dadurch natürlich noch verschärft. Auch das Buch wurde, trotz Ihrer Interventionen bei verschiedenen Zeitungsredaktionen, nicht so ausführlich registriert, wie Sie es sich wünschten. Und Sie beschlossen, sozusagen als Strafmaßnahme, Ihren nächsten Film (wie übrigens schon die Winifred-Wagner-Dokumentation) im Ausland uraufzuführen.

Auch zur Premiere des Hitler-Films im Londoner Festival Ende November kamen nur wenige deutsche Filmkritiker gereist, der Widerhall hier blieb schwach. Der in London übrigens auch. "In den maßgebenden Sonntagsblättern an beiden Enden des politischen Spektrums (Observer, Sunday Telegraph) wurde das Ereignis nicht erwähnt, und sogar der liberale Guardian brachte es auf nicht mehr als zwei kurze Spalten im Rahmen der wöchentlichen Kinorückschau." (Süddeutsche Zeitung, 14. 12. 1977) Da waren etwa der Spiegel, die FAZ oder die Kinosendung im ZDF ausführlicher. Dennoch sprechen Sie von deutschem Boykott im Medienverbund, von indirekter Zensur, systematischer Ignoranz, Mafia der Filmkritik, persönlichem Haß deutscher Journalisten auf alles, was von Ihnen komme, Feigheit vor dem Thema Hitler. Und Sie verweigern Ihren Film vorerst ganz seinem Ursprungsland, nennen Ihre Haltung innere Emigration.

Zensur? Mir scheint eher, Sie stilisieren hier Ihren privaten Clincii mit einer Handvoll Filmkritiker zum Indiz für das ungute geistige Klima eines Landes. Zensur üben Sie selber, in mehrfacher Hinsicht. Das beginnt mit der Vorstellung des Films in London: Sie wissen selber, wie viele deutsche Zeitungen es sich leisten können, jemanden für eine Geschichte extra nach London zu schicken. Verachten Sie denn die kleinen, ärmeren Zeitungen so sehr, ist Ihnen der große Bericht im überregionalen Blatt oder Programm wichtiger als hunderte regional tätiger Journalisten, als Schüler, Studenten, Filmclubs, kommunale Kinos, Volkshochschulen, Künstler, Intellektuelle, Ihre Kollegen, Festival-Gäste, das junge Kino-Publikum?

Verstehen Sie nicht, daß man als Kultur- oder Filmjournalist bei einem so brisanten Thema selber schreiben möchte, statt Agenturmeldungen nachzudrucken? Daß man bei einem so ungewöhnlichen Unternehmen wie Ihrem Film warten möchte, bis man dem Leser, Hörer, Zuschauer die ausführliche Information darüber auch als Service-Leistung, als Aufforderung zur aktiven Teilnahme bieten kann? Zensur: Sie verweigern die Vorführung Ihres Films, der im Untertitel "ein Film aus Deutschland" heißt, in der Bundesrepublik und beim Berliner Filmfestival. Ich schlage Ihnen noch einmal vor, Ihre verletzte Eitelkeit zu überwinden, Ihren "Hitler" der internationalen Filmwelt, soweit sie in Berlin sein wird, zu präsentieren, ihn außerdem so schnell wie möglich in vielen Städten zu zeigen, zu diskutieren mit dem Publikum, mit Historikern, mit Kritikern, Filmleuten, ihn bekannt, statt nur zum "Fall" zu machen.

Viele Ihrer Kollegen und viele Journalisten meinen (und schreiben), Sie brauchten dieses Gefühl, ständig verfolgt zu sein, Sie seien verliebt in die Pose eines Jesus des deutschen Kulturbetriebs, Sie benutzten mit manischem Ehrgeiz eine gereizte, ständig von Ihnen genährte Aversion gegen Sie als Eigenreklame. Treten Sie dem entgegen, verhindern Sie, daß, wie tatsächlich oft geschehen, allzu lieblos und oberflächlich über Ihren Film berichtet wird; lassen Sie es nicht zu, daß viele in lästiger Chronistenpflicht die neue Syberberg-Affäre vermerken, statt sich ausführlich mit Ihrem neuen Film auseinanderzusetzen.