Drei Wochen Sängerkrieg an der Alster

Von Heinz Josef Herbort

Die Geschichte der Oper hat, unter anderem, auch eine Geschichte von Irrtümern – das seit nun fast vierhundert Jahren nicht abreißende, allenfalls gelegentlich die Thematik wechselnde Kontinuum einer Diskrepanz zwischen idealistischen Vorstellungen und deren an den realen Gegebenheiten sich orientierenden und reibenden Verwirklichungen: die Oper als eine Welt zwischen Wille und Vorstellung.

Die Geschichte der Hamburgischen Staatsoper, die mit Beginn des neuen Jahres ihr dreihundertjähriges Bestehen feiert, erweist dies in einer Fülle von Einzelheiten.

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Als sich gegen 1580 in Florenz im Hause des Grafen Giovanni Bardi eine Gruppe von Künstlern und Intellektuellen zur sogenannten "Camerata" traf, um über die griechische Musik des Altertums zu diskutieren und die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit konkret aufzuführen, begegneten einander hier zwei konträre Prinzipien: auf der einen Seite die archaisierende. Forschung, die im Gefolge eines späten Humanismus oder der Renaissance zwar nicht historischkritisch vorging, aber nichtsdestoweniger engagiert die Antike wiederzubeleben versuchte – auf der anderen ein geradezu avantgardistischer künstlerischer Messianismus, der alles Heil in der neuen "Monodie" sah.

Der Lautenist Vincenzo Galilei, Cheftheoretiker der Gruppe, übrigens der Vater des berühmten Astronomen, hatte in seinem Dialogo della musica antica et della moderna", dem Manifest der Gruppe, die historisierend gemeinte Auffassung vertreten, daß der Affekt eines Textes nur durch einen allenfalls von einem Baßfundament getragenen einstimmigen Gesang ausgedrückt werden könne – wie auch die alten Griechen es angeblich praktizierten. Die moderne "Erfindung" dieser Jahre: der einzig der Textverständlichkeit und dem Ausdrucksgehalt der Sätze verpflichtete "Stile recitativo", ein Sprechgesang, der sich revolutionär abhob von der durch das Tridentinische Konzil für allein verbindlich erklärten Polyphonie eines Palestrina und dem naiven Pleonasmus der den Text wortweise imitierenden Madrigalisten.