Viel Widersprüchliches in den Evangelien

Von Ernst Klee

Wäre Recht geschehen, hätte die Geburt Jesu nicht stattgefunden, Maria wäre gesteinigt worden, und Josef hätte den ersten Stein werfen müssen. Denn dies besagte das Recht: Eine Verlobte, nicht vom Bräutigam geschwängert, war zu steinigen. So steht es geschrieben im 5. Buch Mose, im 22. Kapitel, das sinnigerweise zuerst den Umgang mit dem lieben Vieh regelt.

Israelitisches Recht war Männerrecht. Frauen galten als Sache, als Kaufobjekt, als Arbeitskraft, als Nachwuchsgebärerin. Die Mehrehe, die Polygamie, war nicht verboten. Und so konnte der fromme Mann im Gebet danken: "Gepriesen sei Gott, daß er mich nicht als Frau erschaffen hat." Die Rabbinen konnten sagen: "Mögen die Worte der Thora (das sind die 5 Bücher Mose) verbrannt werden, aber man soll sie nicht den Weibern überliefern ..." Selbst beim Beten waren sie nicht gefragt, denn der Talmud lehrte: "Vierflucht sei der Mann, der seine Frau oder Kinder das Gebet sprechen lassen muß." (Man kann dies nachlesen bei Ethelbert Stauffer, "Die Botschaft Jesu" oder bei Elisabeth Moltmann-Wendel, "Menschenrechte für die Frau".)

Nur Männer konnten sich scheiden lassen. Ein Mann konnte seine Frau schon verstoßen, wenn "er etwas Häßliches an ihr findet", (5. Mose; 24,1) Diese Praxis war zwar schon im Alten Testament umstritten und auch im Spätjudentum, aber Praxis.

Etwa zwanzig Jahre vor der Geburt Christi streitet sich Rabbi Schamei mit Rabbi Hillel, für den schon das Anbrennenlassen von Speisen ein Scheidungsgrund ist. Nach Schamei darf man seine Frau nur wegen eines sexuellen Fehltritts verstoßen. Dies ist eigentlich unsinnig, weil der Ehegatte die Untreue durch die Hinrichtung ohnedies losgeworden wäre. Aber Schamei wehrt die fromme Unmoral ab, daß der Verkehr mit Konkubinen, Dirnen, Sklavinnen straffrei blieb, daß selbst die Ehe für eine Nacht auf Reisen, mit Scheidung am nächsten Tag, tbleriert wurde. Da es Männer waren, die die Gesetze auslegten, siegte die Hillel-Schule.

Josef, der Verlobte Marias, handelte nach der Auslegung des Rabbi’ Schamei. Das Matthäus-Evangelium berichtet (1,19), daß er die Schwangere nicht in Schande bringen, sondern sie heimlich entlassen will. Josef ist demnach ein aufgeklärter Mann und nicht der tumbe Tor, als der er später hingestellt wird.