Der Streit um den "Erntefaktor" ist müßig

Von Ulrich Goetz

Kernkraftwerke seien energetisch (und damit auch ökonomisch) unwirtschaftlich, denn in die Atommeiler müsse insgesamt mehr Energie gesteckt werden, als aus der Anlage zeitlebens wieder herauszuholen sei. Mit dieser Behauptung erregte Dr. Peter Chapman, Dozent an Großbritanniens "Open University", im Dezember 1974 nicht nur weltweites Aufsehen, sondern er machte damit auch einen bisher nur unter Fachleuten diskutierten Begriff populär: den Erntefaktor von Energieerzeugungs-Anlagen.

In jede neue Energiegewinnungs-Anlage muß nicht nur Geld, sondern auch Energie investiert werden. Dies gilt für Kraftwerke jeder Art wie für private Sonnenkollektor-Systeme. Eine Energiezentrale arbeitet – energetisch gesehen – um so günstiger, je höher der Erntefaktor ist: je mehr Energie also eine Anlage, bezogen auf die zuvor investierte Energiemenge, liefert. Für den Leichtwasserreaktor siedelte Dr. Chapman diesen, Erntefaktor irgendwo zwischen 0,5 und 19 an, was bedeuten würde, daß ein Kernkraftwerk im besten Fall das 19fache, im schlechtesten jedoch nur die Hälfte der zuvor für Bau und Betrieb aufgewendeten Energiemenge zurückbezahlt.

Bereits der zweite Bereich, in dem sich der Erntefaktor laut Chapman für Kernkraftwerke bewegen soll, ließ leise Zweifel an der Rechnung des streitbaren Atomkraftgegners aufkommen. Schon ein Jahr später mußte Chapman dann auch zugeben, daß er sich geirrt hatte. Denn inzwischen hatten zwei weitere Denkmodelle Eingang in die Erntefaktorberechnung gefunden: die Prozeßkettenanalyse und die mit spezifischen Energieverbrauchszahlen gewichtete Input-Output-Tabelle.

Die Prozeßkettenanalyse – beispielsweise für ein Kraftwerk – ermittelt die gesamten Energie-Investitionen, indem der Bedarf eines jeden einzelnen Fertigungsschrittes zusammengezählt wird, die Bereitstellung des Werkzeuges eingeschlossen. Die Input-Output-Tabelle stellt zusätzlich die wertmäßige Verflechtung der liefernden und empfangenden Industriezweige dar und erfaßt durch eine mathematische Operation auch indirekte Leistungen. Wird nun die derart entstandene Leistungsmatrix mit den dazugehörenden Energieströmen kombiniert, so erhält man Angaben über den durchschnittlichen Energieverbrauch pro Mark Produktionskosten – und zwar für jeden einzelnen Industriesektor, der an der Herstellung des Endproduktes mitwirkte.

So gerechnet besitzen Fließwasser-Kraftwerke den Erntefaktör 40, während mit Erdwärme, fossilen Brennstoffen oder Kernenergie (Brennstoffzyklus und Entsorgung mit eingerechnet) betriebene Stromfabriken auf 20 und der Schnelle Brüter auf 35 Punkte kommen. Aufschlußreich wird die Rechnung, wenn das Problem dynamisch dargestellt und nach der sogenannten energetischen Amortisationszeit gefragt wird (in Bau und Betrieb investierte Energie geteilt durch erzeugte Elektrizität pro Jahr): Der Rückzahlungs-Zeitraum liegt dann für die Gasturbine mit etwa zwei Monaten weitaus am günstigsten, es folgen Steinkohle- und Ölkraftwerke mit sechs und Kernkraftwerke mit neun Monaten. Den Schluß bilden dann Fließwasser-Kraftwerke mit 15 und geothermische Anlagen mit 21 Monaten.