Hier, an der Ostsee, kriegt man, wenn man am Radioapparat dreht, unweigerlich Sender der DDR zu hören. Und da fiel mir auf, daß die Angehörigen der VEB alle das Lied "O Tannenbaum", vorgetragen vom Kinder- und gemischten Chor, von Solisten und großem Orchester, auf den Wunschzettel geschrieben hatten: Ob sie nun vom VEB "Dynamit" in Marxstadt waren oder von "Explosiv" in Engelsburg, von "Hau ruck" in Thälmannsau oder von "Kabelkollektiv" in Reimannsdorf und so weiter. Das Tannenbaum-Singen ist dortzulande Gebetersatz geworden. Die Anbetung des Nadelgewächses ersetzt den Kniefall vor dem Christkind. Just dieser Gedanke erweckte die Lust, in diesen vorweihnachtlichen Tagen zu einer der alten, schönen, herben holsteinischen Kirchen zu fahren.

Zuerst hinauf nach Heiligenhafen, denn schon der Name klingt ja fromm. Geschäftsleben in Blüte. Kirche geschlossen. Sodann ‚über die Brücke nach Fehmarn und zum alten Städtchen Burg. Glanz in den Läden. Kirche zugesperrt. Dann hinunter zum holsteinischen Oldenburg. Viel Betrieb, Geschenkpapier auf Plätzen und Straßen. Nicht erst die Kirche allein, schon der Zugang zu ihr versperrt.

In Neustadt wir gleich neben der Kirche der Platz ganz weihnachtlich. Alle Sorten Christbäume, große und kleine. Kinderkarussell und Lebkuchenbuden. Hundert Leckereien. Würstchenzelte und Plakate: "Hier werden Bestellungen auf Weihnachtsgänse entgegengenommen" Geschenk- und Modeartikel oder wie das heißt. Und auf offenem Lastauto, das sich wohl im Familienbesitz befindet, sitzt die "Familie Repp": alt und jung und kindlich und halberwachsen und bläst auf. Blechinstrumenten Choräle und Märsche. So ermuntert gingen wir zum Eingang des alten Gotteshauses und hörten, als wir die Hand an die Klinke legten: "De Kerk is too!"

Was den Tannenbaum betrifft, so grünt er nicht nur zur Sommerzeit, nein, auch im Winter, wenn es schneit. Mit den Kirchen in Ostholstein ist es ähnlich so: im Winter wie im Sommer: too. Weihnachten hat dabei nix zu machen.

Na, dann, stell mol wedder den DDR-Tannenboom in!