Ein Jesuitenpater und die Selbstverwaltung der Jugendlichen

Von Gerhard Seehase

Die Tür klemmt. Ein kräftiger Arm greift mir von hinten über die Schulter, hebelt mich ins Innere. "Das ist keine Drehtür", sagt er. Ich schaue in ein Kindergesicht mit Bart. "Wie komme ich denn hier zu Herrn Kripp?" frage ich. "Weiß’ nicht." Sein Blick bleibt konzentriert auf meinen Schlips gerichtet. Man fühlt sich plötzlich entblößt. "Was will der denn hier?" scheint er zu fragen; aber er sagt nichts, dreht sich um und verschwindet in der Masse der Jeans.

Der Blick geht in die Runde, wird von einer Wendeltreppe angezogen und nach oben zum Glasdach gelenkt. Der erste Eindruck ist verwirrend: ein Haus, das sich wie eine drehende Spirale ständig verändert, kaum daß man seinen eigenen Standpunkt um wenige Meter gewechselt hat. Wo man eben noch glaubte, alles überschaut zu haben, taucht plötzlich, halbversetzt, eine neue Ebene in diesem Rundbau auf. Ein Karussell auf festem Sockel, das sich trotzdem dreht.

Vor wenigen Wochen wurde dieses Jugendhaus "in Betrieb" genommen. Es steht vor den Toren Stuttgarts in Fellbach, wurde von dem Architekten Josef Lackner gebaut, von einem aufgeschlossenen Gemeinderat mit städtischen Mitteln finanziert und kostete summa summarum – mit Grundstück und Turnhalle – 3,7 Millionen Mark. Leiter dieses Jugendhauses ist der Jesuitenpater Sigmund Kripp.

"Sie wollten doch zu Herrn Kripp?" sagt einer in Lederjacke, "da ist er gerade." Man fühlt sich ein bißchen akzeptiert, trotz der falschen Kleidung. Sigmund Kripp trägt abgewetzte Jeans wie fast alle in diesem Haus. Unter seinem Pullover lugt ein weißer Kragen hervor. "Ich werde Ihnen alles zeigen", sagt er, "wie das hier funktioniert." – Aufdem Weg zu seinem Büro wird er immer wieder angesprochen. Die meisten Jugendlichen sagen "du" zu ihm. Das Büro ist unaufgeräumt, hat billige Möbel. "Wir haben das bewußt so gemacht", sagt er, "um uns durch nichts zu unterscheiden von den Räumen der Jugendlichen." – Ich lege meinen Mantel über den Stuhl, ein Kleiderhaken ist nicht zu entdecken.

Es gibt kein "Draußen" in diesem Fellbacher Jugendhaus, das für alle offen ist. Jeder kann kommen, die verklemmte Tür wird von allen überwunden. Nur die Erwachsenen haben offensichtlich gewisse Schwierigkeiten. Aber für Erwachsene ist dieses Haus auch nicht konzipiert.