Man kann den Begriff Konservatismus" zu jenen Bezeichnungen, die Inhalte scheinbar klar umreißen und die es auch zulassen, Personengruppen, die mit diesen Inhalten identifiziert werden können, zu bestimmen. Schaut man indes genauer hin, nimmt man Differenzen ernst, so zerfasert sich die Sache sofort, wird unscharf, vielfältig und widersprüchlich. Zu fragen also: wird hier mit einem richtigen Begriff ein falscher Sachverhalt angepackt, oder wird mit einem zumindest verfänglichen Begriff ein richtiger Tatbestand getroffen? Ich plädiere für das zweite.

Es gibt, wie gesagt, in diesen Tagen so etwas wie eine Hinwendung zum Staat, eine Besinnung auf die tradierten Normen menschlichen Zusammenlebens, auf die Werte von Recht, Gesetz und Ordnung, auf friedliche Strategien zur Lösung sozialer Konflikte. Diese pathetische, die Chance der Stunde nützende Hinwendung aufs Geltende macht heute das "Konservative" aus, prägt es. Und um das zu erreichen, versucht diese Seite, die Ränder, das Verunsichernde, das Infragestellende, das Bedrohliche (Gesellschaftskritik) bis zum Bedrohenden (dem terroristischen Akt) auf eine Linie zu bringen. Der Gesellschaftskritische, derjenige, der zu überlieferten Institutionen Alternativen sucht (wobei er deswegen das Tradierte keineswegs schlicht ausspart oder überspringt), wird im übertragenen Sinne zum "Terroristen" gemacht. Aber auch handfester: zum potentiellen, tendenziellen Handlanger des Terrors. Eine Karrikatur macht das deutlicher als Worte: Bärtige, Brillenträger, Glatzköpfige (alles offensichtlich keine Jugendlichen, sondern gestandene Intellektuelle; der eine übrigens mit der "typischen" Judennase), trügen auf ihren Schultern Maschinenpistolen haltende Terroristen, denen Marx, Lenin- und Mao Masken vom Gesicht fallen (FAZ vom 13. 9 1977). Ein Bild wie aus dem "Stürmer".

III.

Vertreten die Konservativ Radikalen heute eine neue Politik, eine theoretisch praktische Strategie, die jedes Aufbegehren, jedes kritische Distanzieren, jedes Infragestellen mit Terror in einem Eintopf verkocht? Es gibt, dafür deutliche Zeichen. Ganz offensichtlich ungeheuerliche Argumente werden benutzt, klare Denkverbote, übertroffen nur noch durch F. J. Strauß Aussage auf dem letzten CSU Parteitag, man sollte mal die, die angeblich für die Freiheit des Volkes kämpfen, dem Volk überlassen; dann brauche man Polizei und Justiz nicht mehr zu bemühen! Das Schlimme ist weniger, daß F. J. Strauß so denkt, sondern daß er ausspricht, was viele denken: "Macht kurzen Prozeß: Stellt sie an die Wand! — Dann haben wir Ruhe!"

Handelt es sich hier um eine Reaktion, oder sind es Zeichen, Ausprägungen eines neuen, gefährlichen Konservatismus? Das hier nur im groben, im gröbsten Skizzierte hat jedenfalls Methode: Das sorgfältig aufgebaute, überdeutliche Feindbild wird stilisiert, mystifiziert. Die Grenze zwischen dem, was an Kritik zugelassen vird, und dem, was verboten, sanktioniert wird, bis hin zur Kriminalisierung, beruht nicht auf sachlicher Einsicht, sondern auf Diffamierung, die nicht nur eine zwar diffuse, aber dezidierte "Volksmeinung" im Hintergrund zu haben glaubt; es entspricht auch dem konservativen Gedankengut der regierenden und opponierenden Großparteien. Jedenfalls sind es gerade nicht "Konservative" im alt traditionellen Sinne, die an der ideologischen Front, also in den Massenmedien und im parlamentarischen Raum so denken und handeln. Es sind, nicht die gesellschaftsabgewandten Altkonservativen, die solches propagieren, es sind nicht die durch ihre nazistische Vergangenheit Belasteten: Sprecher sind dezidierte Nachfolger, die längst nicht mehr ins Korsett konservativ ohne weiteres passen. Dazu eine Erläuterung. Skeptisch, fast grüblerisch, hat Gerd Klaus Kaltenbrunner, selbst Konservativer, noch 1972 in seinem Vorwort zum Buch "Rekonstruktion des Konservatismus" darüber meditiert, weshalb eine konservative Haltung in Politik, Gesellschaft und Kultur in breitesten Kreisen als irrelevant, wenn nicht gar als pervers eingeschätzt werde, als gesellschaftliche Sabotage auf dem Weg in eine heilere Zukunft. Wer eine pragmatische, maßvolle und distanzierte Meinung äußere, werde automatisch als "Konservativer" geschmäht: Tatsächlich indes bedeute Konservatismus heute nicht mehr Kampf gegen die emanzipatorischen Konsequenzen der Aufklärung, sondern vielmehr Erhaltung und Sicherung des erreichten Maßes an Emanzipation: der Menschenrechte, der Gewissensfreiheit, des, Rechtsstaates usw. Ach, wenns so wäre! Der Begriff "Tendenzwende", der als Wende zur Vernunft und zur Pragmatik der Veraunft (Hermann Lübbe) gefeiert wurde, bot sich an und wurde prompt von der Linken ernstgenommen. Indes, ob als Tendenzwende, als konservativer rollback oder als zweite Restauration firmierend: die Bezeichnungen täuschen, ökonostauration sprechen, weil es, nach 1945, den angeblichen Nullpunkt nicht gab. Und ob man chen kann, bleibt eine Einschätzungsfrage. Nimmt man, grobschlächtig, für dieses Jahrhundert in Deutschland drei konservative Traditionen, die das Bild der Gesellschaft prägten: den wilhelminischen feudal bürgerlichen Obrigkeitsstaat, den Faschismus und den CDU Staat in der Bundesrepublik nach der Währungsreform, dann wird man dem CDU Staat der fünfziger Jahre und später der CDU Politik als Oppositionspartei nicht jede Modernisierungsfähigkeit, jedes Veränderungspotential absprechen können. Als Volkspartei kann sie sich, analog zur sozialliberalen Koalition, im besten Fall eine Reformblockade, eine Reformsperre leisten, und auch das nur mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft.

Der feierliche Ernst der Neo Konservativen, die "Ordnung" als das Maß der Dinge herausstellen, kann indes (wie Kaltenbrunner deutlich sieht) nicht darüber hinwegtäuschen: für die "rechte" Haltung läßt sich nicht ohne Willkür bestimmen, auf welche konkreten Institutionen der Mensch unaufhebbar angewiesen ist, es sei denn um den Preis entweder politischer Romantik oder der Lehrformeln naturrechtlicher Argumentation. Auch die in der "Verwissenschaftlichung" angelegte Deutung zeigt eine unhistorische, pseudo anthropologische Begründung einer Sehnsucht nach notwendiger Reduktion von Komplexität und unbedingtem Wunsch nach Stabilität und Normalität. Also nichts Neues. VI.

Zweifellos besser gelang, wenn auch hier wiederum aus der Ecke der Liberal Konservativen (und von der "Linken" unterschätzt), der ideoloaber auch ambivalentesten bei Helmuth Schelsky. Vermittlung von Sinn als das entscheidende Herrschafts- und Stabilisierungsmittel der Gesellschaft hoher und komplexer Zivilisationen, und damit — so der griffige Ansatz — diese Instanzen als Schlüsselpositionen für eine revolutionäre Gesellschaftsumgestaltung: die Sinnvermittler in der Rolle der neuen herrschenden Klasse! Sinnvermittlung: die Achse unserer Gesellschaft und die Zuspitzung: die revolutionäre Strategie linker Radikaler habe in der industriellbürokratischen Gesellschaft westlichen Typs dieses Herrschaftsmittel realistischer einzuschätzen und zu diagnostizieren vermocht als die Verteidiger des Systems. Gewiß eine vordergründig taktische, aber wirksame These. Auf dieser Linie ließ sich folgende Behauptung aufstellen: ob literarische oder intellektuelle Meinungsführer, Jusos oder Judos, Journalisten, Theologen oder Lehrer, ob DKP oder linke SPD: organisatorische Unterschiede und ideologische Spaltungen bleiben zweitrangig, ja nebensächlich; das Übergreifende, Verbindende ist das Markenzeichen "Systemüberwindung. Was bedeutet: das erste Moment dieser taktisch theoretischen Variante gipfelt in der Zuspitzung, der Sinnvermittler sei ein primärer Produktionsfaktor, und in diesem Zusammenhang: der Linksintellektuelle habe, quasi konkurrierend mit den Staatsinstanzen, eine Machtfülle an sich gezogen, die institutionelle Veränderungen zu erzwingen vermag. Das bringt in dieser Version zwangsläufig die Systemkritiker in die Rolle des Systemzerstörers, des Staatsfeindes. Wobei damit immer gemeint ist: Feinde unserer Gesellschaft. Kein Zweifel, Schelsky übernimmt so bewußt seinerseits das, was er jenen linken Gruppen vorwirft, die undifferenziert von Strauß, Leber, Schmidt bis zum Gewerkschaftsführer, Bankier und Universitätsprofessor alles in eine Feindgruppe stellen: die Holzschnittargumentation. Er bringt Linksliber ale und extrem Linke zwanglos unter einen Hut; wie die jetzt laufende Diskussion zum Terrorismus zeigt, eine geschickt geführte Waffe und folgenreich! Kein Zweifel jedenfalls: auf dem Mist dieser polemischen "Vermanschung" unterschiedlichster Ziele und Konzepte ist ein Begriff wie der des Sympathisanten überhaupt erst gewachsen.